Der Blick heute Morgen in die Timeline bei Facebook lässt mich mal wieder in die Tasten greifen und ich muss meinen Gedanken Lauf lassen. Was läuft bei den Menschen inzwischen falsch?

Sebastian Vettel sammelt Müll nach einem Rennen und die Community dreht hohl. Wir veröffentlichen einen Bericht über ein Formel E Rennen und es gibt die üblichen Lach-Emojis und sinnfreie Kommentare wie „Formel was?“. Aber ein Milliardengeschäft wie das Finale in Los Angeles begeistert Leute, die sich die restlichen 364 Tage im Jahr vermutlich keinen Football anschauen.

Kurz nach der Veröffentlichung von Meldungen über die Formel E folgen dann immer die absehbaren Standardkommentare: „Haben die Dieselaggregate zum Laden im Fahrerlager laufen?“, „Autoscooter gibt’s auf der Kirmes“, „Das ist kein Motorsport, die fahren ja mit Akkuschraubern“. Oder natürlich: „Vettel zahlt keine Steuern in Deutschland und reist um die Welt, der soll still sein…“.

Mal unter uns, was oder wem helfen solche Kommentare? Gibt es keine vernünftige Diskussion mehr in den Sozialen Medien? Und damit meine ich jetzt keine Verschwörungstheorien oder Wissenschaftsleugnungen, sondern echte Argumente. Wenn die fehlen, einfach mal nichts tippen oder ne Reaktion setzen, ist das so schwer?

Vergangene Nacht haben zig Millionen das Finale des Superbowl zelebriert, blieben wach und machten für Außenstehende seltsame Rituale. Mich persönlich interessiert nicht einmal wer am Ende gewonnen hat und trotzdem wird meine Timeline bei Facebook zugespammt mit Informationen, die ich nicht brauche. Aber setze ich nun immer ein Lach-Emoji? Kommentiere ich mit dem Standard-Gif „Reissack fällt um“? Nein, ich scrolle einfach weiter, um die Posts zu lesen und ggf. zu kommentieren zu Themen, die mich interessieren. Warum könnt ihr das nicht?

Ich kann hier nur für mich selbst sprechen, aber wenn ich bei Facebook unterwegs bin und ich in meiner Timeline einen Bericht über die Darts-WM, Snooker oder Synchron-Schwimmen sehe, dann scrolle ich einfach weiter, anstatt mich über Frisuren zu amüsieren oder pauschal verurteilend zu schreiben: „Darts ist ein Sport für Alkoholiker mit hässlichen Tattoos und lustiger Haartracht!“. Wie sehr würde ein Kommentar wie: „Football ist ein Spiel mit seltsamen Regeln und vielen Männern, die zu viel Geld verdienen für die Show.“ Das fällt mir nicht schwer – da ich meinen unwahren Senf für mich behalten kann und diesen nicht in jede Kommentarspalte schmieren muss. Könnt ihr das nicht auch, wenn es um Sportarten geht, die euch nicht interessieren?

Extreme E 2021: Ocean X-Prix LAC ROSE, SENEGAL - MAY 27: Solar power in the paddock during the Ocean X-Prix at Lac Rose on May 27, 2021 in Lac Rose, Senegal.
Foto: Colin McMaster / LAT Images

Ich will jetzt nicht nochmals ausführen, woher die Formel E oder die Extreme E ihre Energie bezieht, wer es bisher nicht wissen wollte, sondern Klischees bedient, wird es nun auch nicht lesen wollen. Ebenso wenig wird der oder diejenige noch kein Rennen der Formel E verfolgt haben, bei denen es übrigens erfrischendes Racing mit tollen Überholmanövern zuhauf gibt, die beiden Auftaktrennen in Diriyah aber auch der Lauf in Mexico City waren wieder Rennsport auf höchstem Niveau. Das soll bei der MotoGP auch der Fall sein, so hörte ich, aber ich schaue selten Zweiradrennen und schaffe es trotzdem, nicht immer einen Kotz-Emoji zu setzen, oder in den Kommentaren zu bashen und Halbweisheiten zu schreiben.

Foto: Mercedes-Benz Group Media

Samstagnacht hat Porsche in Mexiko vor einer eindrucksvollen Kulisse und mit einer cleveren Taktik sowie einem fehlerfreien Rennen beider Piloten einen historischen Doppelsieg für die Marke erkämpft. Seit über 30 Jahren gewann die Marke aus Stuttgart einen Weltmeisterschaftslauf mit einem Formelauto, in diesem Fall sogar Platz eins und zwei. Das richtige Energiemanagement der Fahrer war der Schlüssel zum Erfolg und besonders André Lotterer erwies sich als echter Teamplayer und gönnte Wehrlein den Sieg, statt in den letzten Runden nochmals anzugreifen und womöglich den Triumph von Porsche zunichtezumachen.

Foto: Mercedes-Benz Group Media

Übrigens verhält es sich mit dem Energiemanagement gleich wie mit der Sprit-Taktik bei Verbrennern. Der große Unterschied war, dass selbst die Piloten unterm Helm den Jubel der Zuschauer auf den Rängen hören konnten, weil die Autos eben deutlich leiser sind. Sicher, der Klang eines hochdrehenden V8 erzeugt Gänsehaut und weckt Emotionen. Aber wenn zehntausende Mexikaner jedes Manöver begeistert feiern kommt auch eine einmalige Atmosphäre auf.

Das sich das Feld der Formel E Piloten inzwischen aus einer hochkarätigen Sammlung von Routiniers und Champions zusammensetzt, die ihre Arbeit in der Serie professionell verrichten, wollen die Hater nicht wahrhaben. Nur wenige können wie Lotterer drei Le Mans Siege vorweisen. Respektiert es einfach und nutzt den Daumen oder das Rädchen der Maus, um einfach weiter zu scrollen. Holt euch eine Tasse Kaffee oder schenkt ein Bier ein (je nach Tageszeit und Lebensweise), wer mag soll eine rauchen gehen. Dabei überlegt mal, was ein dummer Kommentar oder eine lächerliche Reaktion den Mitmenschen bringt, außer weiteren Unmut und Polarisation. Jeder hat seine Interessen und Sportarten, für die er sich begeistert, akzeptieren wir diese, es gibt sicher wichtigere Themen, über die wir uns täglich Gedanken machen müssen.

Das ist nur meine unbedeutende Meinung, die ich hier am Montagmorgen mal loswerden musste und mich nach Jahren zu einer persönlichen „User Story“ für unsere Seite bewegte. In diesem Sinne gehe ich jetzt meinen Saugroboter mit dem Dieselaggregat laden und werfe ein Ei vor einen Haufen seltsam gekleideter Männer, die sich schubsen und unentwegt Unterbrechungen machen. Nebenbei setzte ich mir eine Irokesen-Perücke in grellen Farben auf und werfe kleine Pfeile vor einer Halle voller grölender betrunkener Arbeiter. Was bleibt ist noch zu sagen: „Glückwunsch an Porsche für den grandiosen Sieg!“

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Dieser Beitrag wurde von verfasst.

Lutz Rodrigues Do Nascimento wurde in den 70er Jahren vom Motorsport-Virus infiziert, sein Onkel war im Porsche-Werk Weissach tätig und nahm ihn damals schon mit zu den Rennfahrzeugen. Seit 2011 ist er regelmäßig am Nürburgring bei der VLN mit der Kamera vor Ort und konnte sich somit ein Netzwerk an Bekanntschaften zu Teams, Fahrern und der Streckensicherung knüpfen. Seit März 2017 ist Lutz Teil der LSR-Freun.de und gilt als unser Draht zu den Teams und Fahrern. Mit Fotos und Stories aus den engsten Kreisen sorgt er immer wieder für staunende Gesichter.
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4 Kommentare zu “Wen interessiert Superbowl und wen kümmert ein historischer Sieg von Porsche?

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