Noch ist Winterpause – Mitte März geht es mit der Saison 2020 los. Die Wartezeit bis dahin möchten wir euch mit einer Kolumne von Alexander Kraß verkürzen, in der es um die Geschichte des „alten“ Nürburgrings geht, also vom Bau der Strecke bis zur Eröffnung der Grand-Prix-Strecke im Jahr 1984. Jede Woche Donnerstag wird eine neue Epoche behandelt, los geht es heute mit der „Gründerzeit“ des Nürburgrings, also dem Bau, der Eröffnung und den ersten Jahren der legendären Rennstrecke in der Eifel.

Fünf Wochen, fünf Epochen: kleine Geschichte des „alten“ Nürburgrings von Alexander Kraß

Epoche 1: Bau, Eröffnung und erste Jahre des Nürburgrings

Zeitlich befinden wir uns in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg: Deutschland als Verlierer des Krieges war durch Reparationsforderungen und weitere Einschnitte, die im Versailler Vertrag festgelegt wurden, wirtschaftlich stark geschwächt. Die Arbeitslosigkeit war hoch, ganze Regionen rutschten in die Verarmung. Eine dieser Regionen: der damalige Landkreis Adenau. Schon viele Landräte hatten ihr Möglichstes versucht, den Kreis aus der Armut zu retten, die Bedingungen waren aber alles andere als günstig. Karge Böden verhinderten eine ertragreiche Landwirtschaft, Berge und Täler sowie nur kleine Flüsse und schlechte Straßen machten die Eifel für die Industrie nicht sonderlich interessant. Wer konnte, versuchte, die Region zu verlassen. Ein Mann, der vorher schon viel Erfahrung in Ministerien in Berlin gesammelt hatte, kam 1924 als neuer Landrat nach Adenau: Dr. Otto Creutz. Nachdem schon zuvor Gespräche aufkamen, dass es die Region doch wirtschaftlich beleben würde, wenn man Straßen zusammenschließen und darauf Rennen veranstalten würde, wie es im nahen Niedeggen schon gemacht wurde. Creutz war begeistert von der Idee, stellte aber eine Bedingung: Es sollte eine neue Rennstraße gebaut werden, unabhängig von jeglichem Verkehr und damit sicher.

Doch der Kreis Adenau war arm, sogar der ärmste in ganz Preußen – die Finanzierung war das größte Problem. Letztendlich wurde beschlossen, die Strecke als „Notstandsarbeit im Rahmen der produktiven Erwerbsosenfürsorge“, vergleichbar mit einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, bauen zu lassen. Zumindest große Teile der Baukosten konnten damit bezahlt werden, darüber hinaus wurde unzähligen Menschen Arbeit gegeben, die sonst keine finden konnten – dazu aber gleich noch mehr.

Creutz hatte drei große Aspekte, die ich gerne den „Creutz’schen Urzweck“ nenne: Förderung des Motorsports, Förderung der Automobilwirtschaft und Förderung der Region. Dem Motorsport sollte eine Strecke gegeben werden, die zwar sicher, aber doch wiederum eine solche Herausforderung sein sollte, dass hier der deutsche Motorsportnachwuchs ausgebildet werden konnte. Der Fahrzeugindustrie sollte ein Testfeld gegeben werden, welches das Material erbarmungslos belasten sollte, sodass alles, was auf dieser Strecke besteht, auch im normalen Straßenverkehr bestehen würde. Der Region sollte ein Touristenmagnet gegeben werden, denn Rennsportfans würden hier Eintritt zahlen, essen und trinken, übernachten, einkaufen, tanken, Souvenirs kaufen und vieles mehr, kurz gesagt: Sie würden einfach Geld in der Region lassen.

Alter Steinbruch
Basaltsteine vom Bau des Nürburgrings | Foto: Alexander Kraß

Mit dieser Argumentation konnte Creutz in langen Verhandlungen die entsprechenden Stellen überzeugen und schon im Sommer 1925 konnte mit den ersten Arbeiten begonnen werden. Baumaterial gab es in der Region in Hülle und Fülle: Es wurde Basalt verwendet. Flüssiges Gestein unter der Erde ist Magma, wenn der Vulkan ausbricht, nennt man es Lava – und je nach chemischer Zusammensetzung entsteht daraus ein sehr festes Gestein, Basalt genannt. Davon gibt es in der Region um die Hohe Acht Unmassen, welche dann für den Streckenbau verwendet wurden.

Der Bau ging also los, aber was wurde genau gebaut? Eine Gesamtstrecke mit über 28 Kilometern Länge, eingeteilt in eine über sieben Kilometer lange Südschleife, eine über 22 Kilometer lange Nordschleife und eine Start- und Zielschleife im Verbindungspunkt, an der die Rennen gestartet wurden und an der sich mit Rennleitung, Boxen, Fahrerlager, Haupttribünen und vielem mehr die für die Rennen notwendigen Anlagen befanden. Die Streckenführung wurde nach mehreren Kriterien ausgewählt, unter anderem natürlich nach der möglichst hohen Schwierigkeit der Strecke, allerdings auch, um die Strecke an Basaltvorkommen vorbeizuführen und damit Transportkosten zu sparen.

Grundstein des Nürburgrings
Skizze des Grundsteins des Nürburgrings von 1925 | Skizze: Alexander Kraß

Mittlerweile hatte sich sogar ein Name für die Strecke ergeben: Am 27. September 1925 wurde mit „Nürburg-Ring“ dieser Strecke der Name gegeben, der in der ganzen Welt bekannt ist. gebaut wurde diese Strecke von bis zu 2.300 Menschen, die gleichzeitig an der Strecke arbeiteten. Wie bereits gesagt waren dies allesamt vormals ungelernte Arbeitslose, die aus den nahen Regierungsbezirken in die Eifel kamen, dort zum Teil auch für die Bauzeit untergebracht wurden und damit auch einen Teil ihres Lohns in der Eifel ließen, was zu ersten wirtschaftlichen Impulsen in der Region führte. Diesen Menschen wurde eine Zukunft gegeben: Sie verdienten nicht nur Geld, sondern lernten eine konkrete Arbeit und hatten zudem auch mit dem Bau des Nürburgrings eine sehr bekannte Referenz in ihrem Lebenslauf stehen. Fast zwei Jahre wurde an der Strecke gebaut, und zwar mit Handarbeit im Stile der alten Römer. Das Straßenbett wurde ausgehoben, dann wurden größere Basaltbrocken als Packlage hineingelegt und nach oben hin wurden die Basaltbrocken immer kleiner. Verschlossen wurde die Strecke dann entweder mit Asphalt, Beton oder Teer – in bestimmten Abständen wechselten die Oberflächenbehandlungen, um diese auf Wochen, Monate und Jahre hin unter der gleichen Belastung vergleichen zu können und daraus Schlüsse für den Straßenbau ziehen zu können. Das machte die Strecke zu einer Reichsversuchsstrecke, was wieder massive Subventionen brachte und damit den Bau der Strecke finanziell weiter absicherte.

Was da gebaut wurde, war gewaltig. Solch eine Strecke hatte es vorher noch nicht gegeben und so wartete die internationale Motorsportwelt gespannt auf die Eröffnung, die für Mitte Juni 1927 vorgesehen war. Am Samstag, dem 18. Juni, fanden morgens die Eröffnungsfeierlichkeiten statt und danach die ersten Rennen auf dem neugebauten Nürburg-Ring, wie er damals noch geschrieben wurde. Tatsächlich waren die ersten Rennen auf der neuen Strecke Motorradrennen, denn das Rennen der Wagen fand erst am 19. Juni, also am Sonntag, statt. Wer dieses Rennen gewonnen hat, weiß jeder Nürburgring-Freund: Es war Rudolf Caracciola, Hotelierssohn aus Remagen auf Mercedes-Benz. Mit über 84.000 Zuschauern war das Eifelrennen, mit dem die neue Strecke eröffnet wurde, ein riesen Erfolg.

Historisches Fahrerlager
Skizze einer Box des Historischen Fahrerlagers | Skizze: Alexander Kraß

Wirtschaftlich war der Nürburgring für die Region ein Segen, für den Landkreis Adenau jedoch nicht. Der eh schon bitterarme und verschuldete Kreis rutschte durch während des Projekts gestiegene Baukosten noch tiefer in die roten Zahlen. Auch wenn die ersten beiden Jahre tolle Rennen und viele Zuschauer brachten, wurde auch der Nürburgring von der Weltwirtschaftskrise im Herbst 1929 stark getroffen. Unzählige Menschen verloren ihren Arbeitsplatz und konnten sich die Rennbesuche nicht mehr leisten – aber auch die Industrie wurde hart getroffen und fuhr sowohl ihr Engagement im Motorsport als auch Ausgaben für Testfahrten und Werbegelder stark zurück. Im Laufe der Zeit mussten sogar erste Rennen abgesagt werden, weil sich schlichtweg nicht mehr genug Fahrer und Fahrzeuge fanden, ebenso hatten natürlich auch die Motorsportclubs unter den harten Zeiten zu leiden.

So endet die erste Epoche der Geschichte des alten Nürburgrings mit wirtschaftlich schwierigen Zeiten – in der nächsten Ausgabe, kommende Woche Donnerstag, soll es allerdings zumindest motorsportlich erstmal wieder aufwärts gehen. Auto Union und Mercedes-Benz werden in dieser Kolumne den Ton angeben, die dann am nächsten Donnerstag erscheint.

Buch "Vor 90 Jahren"
Buch „Vor 90 Jahren“ | Foto: Alexander Kraß

Natürlich ist diese Kolumne ein stark komprimierter Blick auf die Gründerzeit des Nürburgrings. Wenn Sie mehr über die Ursprünge der Eifelrennstrecke erfahren möchten, empfehle ich Ihnen einen Blick auf www.vor90jahren.de. Da vertreibe ich mein gleichnamiges Buch – für einen guten Zweck, da der gesamte Erlös dem Kinderhospiz „Balthasar“ in Olpe/Westfalen zu Gute kommt. Mehr Informationen, auch zur Bestellung, gibt es auf der Website.

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Dieser Beitrag wurde von verfasst.

Alexander Kraß
Spätestens seit er 2017 mit „Vor 90 Jahren“ sein erstes Buch über die Gründerzeit des Nürburgrings herausgegeben hat, ist der 35jährige Alexander Kraß am Nürburgring bekannt wie ein bunter Hund. Der Ringhistoriker schreibt allerdings nicht nur, sondern ist am Nürburgring und deutschlandweit auch als Moderator unterwegs und hält Vorträge. Mehr über seine Person, seine Moderationstätigkeiten und seine Vorträge gibt es auf www.alexkrass.de.
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