Am 27. Juni findet das erste Rennen der Saison 2020 auf dem Nürburgring statt. Mit einem Unterschied: Wir alle sollten zuhause bleiben und das Rennen am Livestream verfolgen. Ein Kommentar? Nein, ein Aufruf, nicht an die Strecke zu fahren. Von Alexander Kraß.

Helft dem Nürburgring – fahrt nicht hin!

Es ist schon eine schräge Situation. Der Saisonstart am Nürburgring musste um drei Monate verschoben werden – nach der eh schon langen Wartezeit im Winter hatten wir uns alle darauf gefreut. Nun geht es nach drei weiteren Monaten am 27. Juni endlich wieder los, allerdings mit etwas, was es am Nürburgring in den vergangenen 93 Jahren noch nicht gegeben hat: einem Geisterrennen. Dass Fußballspiele aus Gründen vor leeren Rängen stattfinden, kommt ab und an vor, aber ein Rennen vor leeren Tribünen hat es meines Wissens vor Corona noch nicht gegeben, vor allem nicht am Nürburgring. Wir waren noch nie in der Situation, dass der Nürburgring schweren Herzens sagen musste: Kommt nicht in die Eifel!

Der Nürburgring wurde Mitte der 1920er Jahre als Wirtschaftsförderungsprojekt gebaut. In einer Region, in der es schlichtweg nichts gab, was die Menschen ernähren konnte, wurde eine über 28 Kilometer lange Rennstrecke gebaut, die Menschen anzog, welche dann in der Eifel übernachteten, einkauften, in Restaurants gingen, Eintritt bezahlten, auf dem Rückweg noch an der Tankstelle Halt machten, kurz gesagt: Menschen, die Geld in die Region brachten und dieser Region damit aus der tiefsten Armut halfen. Und diese Aufgabe erfüllt der Nürburgring auch heute noch: Mit unseren Besuchen am Ring unterstützen wir ein Unternehmen, das vielen Menschen Arbeit gibt und das die Wirtschaft in der näheren und weiteren Umgebung massiv fördert. Wir unterstützen Menschen, deren Existenz von diesem wirtschaftlichen Motor der Region abhängt.

So lag und liegt es natürlich im Interesse aller Beteiligten, dass viele Menschen in die Eifel kommen und die Rennen besuchen. In den 1930ern mussten in Adenau Holzbrücken über die Straßen gebaut werden, um den Ansturm der Besucher regeln zu können. Bei manchen Rennen nach dem Krieg kamen so viele Menschen, dass das Wasser an Start und Ziel knapp wurde. Andererseits wurden in den 1950ern auch Rennen schon abgesagt, weil absehbar war, dass sie sich finanziell nicht rentieren würden, weil zu wenig Zuschauer kommen würden. Die Zuschauerzahl war also immer der wirtschaftliche Faktor eines Rennens. Und jetzt dieses Paradox: Zuschauer sind nicht erlaubt, damit ein Rennen überhaupt stattfinden kann!

Die Begründung ist ganz einfach: Aufgrund des Corona-Virus dürfen bisher noch keine Großveranstaltungen stattfinden, Breitensport ist aber – unter Auflagen – erlaubt. Um diese Auflagen erfüllen zu können, darf sich in verschiedenen Bereichen nur eine bestimmte Anzahl an Menschen aufhalten, was mit Zuschauern auf der Tribüne und an der Nordschleife schlichtweg nicht möglich wäre. Es geht, auch wenn es jetzt schon Monate dauert und mittlerweile echt nervt, einfach darum, das Virus nicht weiter zu verbreiten. Um das zu verstehen, braucht man nur auf verschiedene kleinere Veranstaltungen zu schauen, nach denen sich in den letzten Tagen und Wochen wieder dutzende Menschen infiziert haben. Die Gefahr durch das Virus ist also keinesfalls gebannt – und natürlich will der Nürburgring auch kein Multiplikator für Infektionen werden. Darüber hinaus kann das Rennen nur stattfinden, wenn keine Zuschauer an der Strecke sind – an die Nordschleife zu gehen ist also schlichtweg keine Option. Von diesem Rennen hängen für Veranstalter, Teams, Firmen, Hotels und Restaurants eine ganze Menge Existenzen ab und das dürfen wir nicht gefährden, indem wir an die Strecke gehen.

Was der Nürburgring aber wieder werden will: Ein Betätigungsfeld für großartigen Motorsport und vor allem eine Plattform, auf der Teams und Firmen wieder ihrer Arbeit nachgehen können. Der Arbeit, mit der sie Geld verdienen, ihre Familien ernähren, Arbeitsplätze erhalten und wirtschaftlich stabil bleiben können. Genau das braucht es in diesen Zeiten, und genau deswegen müssen auch Rennen wieder stattfinden. Und das geht nur, wenn Auflagen eingehalten werden und das Infektionsrisiko minimiert wird. Mit Zuschauern an der Strecke wäre das schlichtweg nicht zu gewährleisten.

Wenn euch also wirklich etwas am Nürburgring, der VLN/NLS und den Menschen in der Eifel liegt, dann bleibt zuhause. Fahrt nicht in die Eifel, so schwer es auch fallen mag, auch nicht mit dem Gedanken „Ich bin ja dann nur einer, der da rumsteht“ – jeder Zuschauer ist am 27. Juni einer zu viel. Mir fällt es auch schwer, und zwar richtig schwer. Mir tut es auch weh, dass ich jetzt im Juni immer noch kein Rennen live gesehen habe, noch nicht moderieren konnte, viele gute Freunde noch nicht im Fahrerlager getroffen habe. Und so geht es Vielen. Aber wenn der Nürburgring eine Chance haben soll, sich aus dieser weltweiten Krise zu ziehen, dann müssen wir in diesen sauren Apfel beißen, damit wir in der Zukunft wieder Motorsport genießen können. Da ist auch ein gewisser Egoismus nicht unangebracht: ICH möchte, dass ICH bald wieder packenden Motorsport live erleben kann – also bleibe ICH zuhause.

Die Eifel, der Nürburgring und die VLN brauchen jetzt eure Unterstützung – also fahrt bitte nicht hin. Danke.

Das ganze als Videobotschaft

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Dieser Beitrag wurde von verfasst.

Alexander Kraß
Spätestens seit er 2017 mit „Vor 90 Jahren“ sein erstes Buch über die Gründerzeit des Nürburgrings herausgegeben hat, ist der 35jährige Alexander Kraß am Nürburgring bekannt wie ein bunter Hund. Der Ringhistoriker schreibt allerdings nicht nur, sondern ist am Nürburgring und deutschlandweit auch als Moderator unterwegs und hält Vorträge. Mehr über seine Person, seine Moderationstätigkeiten und seine Vorträge gibt es auf www.alexkrass.de.
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