Wer bis 2015 in Deutschland mit historischen Tourenwagen Rennen fahren wollte, hatte die Wahl zwischen wenigen Rennserien. Zum einen bei den Rennen der FHR für Fahrzeuge bis Baujahr 1974 und zum anderen bei der Youngtimer Trophy, die sich für Fahrzeuge bis 1988 öffneten. Jüngere Fahrzeuge kamen in der Cup- und Tourenwagen Trophy unter.

Foto: BMW Group

2015 kamen dem ehemaligen DTM-Fahrer Marc Hessel (BMW/Mercedes-Benz) und dem Amateurrennfahrer Ralph Bahr die Idee, eine neue Rennserie für ehemalige DTM- und STW-Fahrzeuge ins Leben zu rufen. Da beide Ideengeber mit ihren Autos selbst mitfahren wollten, holte man sich als Organisator Alexander Ferreira mit ins Boot, der bis dahin Gleichmäßigkeitsläufe für ehemalige DTM-Fahrzeuge veranstaltete. Hessel und Bahr konnten einen zahlungskräftigen Sponsor akquirieren und nahmen Kontakt zur ITR, dem Ausrichter der aktuellen DTM auf. Bahr erstellte in Zusammenarbeit mit dem DMSB ein Reglement. Als Name der Rennserie wurde „Tourenwagen Classics“ gewählt und eine GbR gegründet.

Foto: DTM-Media-Team / Bildagentur Kräling

Noch in der ersten Saison 2016 konnte die junge Rennserie drei Rennen anbieten, u.a. im Rahmenprogramm eines Weltmeisterschaftslauf der WEC am Nürburgring. Und schon in der zweiten Saison 2017 zählte man 42 Einschreibungen, darunter auch ehemalige DTM-Fahrer wie Alexander Burgstaller, Christian Danner, Altfrid Heger, Volker Schneider, Volker Strycek, Kurt Thiim und natürlich Marc Hessel. Zwei der sechs Saisonrennen, auf dem Norisring in Nürnberg und dem Nürburgring starteten im Rahmenprogramm der DTM. Die Tourenwagen Classics erlangte, auch dank erstaunlich professioneller Öffentlichkeitsarbeit und Livestreaming der Rennen, eine ungewöhnlich große Popularität für eine historische Rennserie.

Interner Streit und Gründung der „Tourenwagen Legenden

Obwohl zu Beginn des Jahres 2018 für die Organisation wieder massive Preiserhöhungen bei den Rennstrecken, Veranstaltungen und Gebühren anstanden, konnte Bahr mit der Gewinnung von Mercedes-Benz als Partner die wirtschaftliche Situation der Serie stabil halten. Der Automobilhersteller engagierte sich auch mit Einsätzen von Werksautos und -fahrern. Aus der GbR wurde die Tourenwagen Classics GmbH. Aber es knirschte innerhalb der Organisation und man warf sich Unregelmäßigkeiten in der Buchhaltung und Nenngeldabwicklung vor. Ende 2018 verließ Alexander Ferreira die Rennserie und gab in Folge auch seine Anteile an der GmbH zurück. Auch Marc Hessel stieg aus persönlichen Gründen aus dem Projekt aus.

AvD-Oldtimer-Grand-Prix 2020, Nürburgring; Tourenwagen Classics -
Foto: AvD / Gruppe C Photography

Doch Ferreira zog sich nicht aus dem Rennsport zurück, sondern unterstützte den Fahrer und ehemaligen Tourenwagen-Classics-Sponsor Jörg Hatscher (INTAX) bei der Gründung einer Konkurrenzserie, der „Tourenwagen Legenden“, die sogleich fünf Rennen ausschrieb. Ab der Saison 2019 mussten sich fortan zwei Rennserien den Kuchen der historischen DTM- und STW-Tourenwagen teilen. Auch, wenn Hatscher in seiner neuen Serie mit spektakulären DTM-Fahrzeugen, wie dem AMG-Mercedes C-Klasse und Alfa Romeo V6 TI ITC aufwarten konnte, wurden bei den Rennen in seiner ersten Saison 2019 im Schnitt nur 15 Teilnehmer gezählt. Bei den Tourenwagen Classics, die bei erheblich attraktiveren Veranstaltungen am Start waren, u.a. wieder im Rahmenprogramm der DTM, waren durchschnittlich mehr als doppelt so viel Teilnehmer auf der Strecke.

2020 – Pandemie und tiefgreifende Veränderungen

Die erste Hälfte dieser Saison wurde von den Auswirkungen der Pandemie geprägt und viele Motorsportveranstaltungen wurden abgesagt. Die 2015 gegründete Tourenwagen Classics hatte in dieser Saison eine Vereinbarung mit der DTM, in vier Rennen im Rahmenprogramm zu starten. Zusätzlich mit dem Rennen beim AvD Oldtimer Grand Prix hatte die Rennserie ein attraktives Programm für die Fahrer. Die Starterfelder waren gut gefüllt und der Rennserie ging es gut. Jedoch mit der DTM fast ausschließlich auf einen Partner zu setzen, sollte sich zum Jahresende als kein guter Schritt herausstellen.

Foto: L. Rodrigues

Bei den konkurrierenden Tourenwagen Legenden lief es in ihrem zweiten Jahr wieder nicht gut. In den acht Rennen bei vier Veranstaltungen, u.a. je einmal im Rahmen der DTM und der Formel 1, waren im Schnitt wieder nur 17 Fahrzeuge am Start. Tiefpunkt war das Rahmenrennen beim Truck Grand Prix im Most mit nur neun gestarteten Tourenwagen. Doch Organisator Jörg Hatscher gab nicht auf, hatte er doch für die kommende Saison vermeintlich ein As im Ärmel.

Zwischen den Organisationen der DTM und der Tourenwagen Classics kam es im Laufe der Saison zu Konflikten. Ralph Bahr wurde mitgeteilt, dass beim DTM-Classic-Rennen im September am Nürburgring auch die konkurrierenden Tourenwagen Legenden mitfahren werde. Und am Lausitzring konnten nach Problemen mit den Fahrzeugen einiger Gaststarter nur 16 der über 30 genannten Rennwagen an den Start gehen. Die Fronten verhärteten sich.

Am Ende der Saison veröffentlichte die DTM ihr Fünf-Säulen-Konzept, das auch die DTM Classic enthielt. Und es wurde bekannt gegeben, dass die Rennen der DTM Classic ab 2021 nur mit den Fahrzeugen der Tourenwagen Legenden besetzt werden.

Zum Ende der Saison 2020 übernimmt die Historic Race Events GmbH, die seit 2009 mehrere FHR-Rennserien organisiert und seit 2016 von Michael Thier geleitet wird, die Tourenwagen Classics.

2021 – Alles neu und besser?

Auch in diesem Jahr verschob die noch immer wütende Pandemie den Beginn der Rennsaison. Mit besten Voraussetzungen starteten die Tourenwagen Legenden in das Jahr 2021 – mit einem sehr attraktiven Rennkalender bei sieben Veranstaltungen. Es begann im Juni im Vorprogramm der 24h Nürburgring, und es folgten zwölf Rahmenrennen bei sechs DTM-Veranstaltungen. Doch die Hoffnung auf pralle Startfelder wurde nicht erfüllt. Selbst bei dem Top-Event des 24h-Rennen schafften es nur 21 Tourenwagen an den Start. Auf der wegen der einzigartigen Atmosphäre wohl mit einer der attraktivsten Strecken in Deutschland, dem Norisring in Nürnberg, standen gerade mal 25 Fahrzeuge in der Startaufstellung.

Die Tourenwagen Classics, jetzt unter der Organisationsleitung von Michael Thier zeigte Kontinuität und veröffentlichte einen ebenfalls attraktiven Rennkalender mit acht Läufen, u.a. bei der Bosch Hockenheim Historic, bei der Spa Summer Classic, beim Historic Grand Prix in Zandvoort, und im Rahmen der GT Masters am Lausitzring. Die Starterlisten konnten sich sehen lassen. Knapp 30 Tourenwagen waren im Schnitt pro Lauf in der Saison am Start. Beim RGB Saisonfinale konnten 35 Starter und zur Bosch Hockenheim Historic sogar 38 Starter gezählt werden.

Foto: Mercedes-Benz Archiv

Im Herbst gab die DTM dann bekannt, dass sie ab 2022 die DTM Classic selbst organisieren werde. Innerhalb dieser fünf Rennen sollen zwei eigenständige Meisterschaften ausgefahren werden: der DTM-Classic-Cup für Tourenwagen von 1984 bis 2007 sowie der DTM-Classic-DRM-Cup mit Rennwagen der ehemaligen Deutschen Rennsport-Meisterschaft aus den Jahren 1972 bis 1981. Für eine gute Basis zum Start dieser neuen Rennserien einigte man sich mit Michael Thier und kaufte die Tourenwagen Classics. Dieser strich nach nur einem Jahr der Organisation die Segel und übergab Ende 2021 die Rechte der Serie an die Organisation der DTM. Zumindest verhinderte der Verkauf, dass in der Saison 2022 drei konkurrierende Tourenwagenserien mit fast identischem Reglement ausgeschrieben werden.

Viele neue Serien und ein fehlendes „s“

Aus der großartigen Idee einer Rennserie für Fahrer, die ein ehemaliger Profi und ein ambitionierter Amateur hatten, ist ab 2022 ein Sammelsurium an neuen Rennserien geworden, geprägt von Eitelkeiten und kommerziellen Gedanken. Die Fahrer wurden indes nicht gefragt, ob sie das alles wollen. Es stellt sich auch die Frage, wie es die DTM schaffen möchte, die Starterfelder der DTM Classic zu füllen, wenn dies ein Jörg Hatscher im Vorjahr nicht geschafft hat. Sie kann auf Kannibalisierung setzen und versuchen, die Fahrzeuge des Vorjahres-Partners Tourenwagen Legenden abzuwerben. Und sie muss sich mit dem DTM-Classic-DRM-Cup jetzt auch bei den Fahrern und Teams der Youngtimer Trophy bedienen. Der Kuchen an Teilnehmern und Fahrzeugen wird nicht größer, die Stücke aber kleiner.

AvD-Oldtimer-Grand-Prix2019
Foto: AvD / Suer

Wie viele ehemaligen Teilnehmer der Tourenwagen Classics dem Ruf der DTM folgen werden, bleibt abzuwarten. Die veröffentlichten Einschreibe- und Nenngebühren sind mit Blick auf die umfangreichen Leistungen und in Erwartung einer professionellen Organisation fair. Auch das Reglement kann in Teilen für manches Team zu einer Herausforderung werden. Und es kann davon ausgegangen werden, dass die Organisatoren darauf achten, dass die DTM-Classic-Reglements inkl. vieler ITR-Vorschriften strikt eingehalten werden. Einige der bisherigen Teilnehmer werden bei der DTM Classic nicht mehr starten dürfen oder auch nicht wollen und so zu den Tourenwagen Legenden wechseln.

Und die Organisation der Tourenwagen Legenden geht auf Konfrontationskurs in der Szene der historischen Serienorganisationen – und das in gleich mehrfacher Hinsicht. Seit einigen Tagen wird eine neue Rennserie präsentiert: Die Tourenwagen Classic. Jetzt genau hinsehen: Classic ohne „s“. Es wird schon ein vorläufiges Reglement präsentiert, dass beim DMSB zur Genehmigung eingereicht sei. Ob die Wortmarke der neuen Rennserie, die sich nur durch ein fehlendes „s“ von der Tourenwagen Classics unterscheidet, rechtlich auf sicheren Beinen steht, darf bezweifelt werden. Ob der DMSB einen solchen Namen genehmigt und/oder der neue Rechteinhaber des Namens „Tourenwagen Classics“, die ITR GmbH dies hinnimmt, dürfte ebenfalls bezweifelt werden. Auch die Tourenwagen Classics GmbH besteht nach wie vor und betreibt die Tourenwagen Classics Digital (TWCD) weiterhin als eSport-Serie. Was die Geschäftsführung der Tourenwagen Legenden GmbH mit dieser bewussten Verwechslungsgefahr bezwecken möchte, bleibt ein Geheimnis und im Bereich von Spekulationen.

Foto: DTM-Media-Team

Mit dem vorläufigen Reglement der neuen Tourenwagen Classic (also der ohne „s“), das Klassen nach den DMSB Gruppen H und CTC ausschreibt, wirft aber auch diese neue Serie ein Auge auf die Tourenwagen und Gruppe-5-Boliden der ehemaligen DRM, wie Ford Escort und Capri, Porsche 911 RSR, 934, 935, Kremer K3 oder BMW CSL sowie viele Fahrzeuge ehemaliger Marken-Cups, die seit langer Zeit eine Heimat bei der Youngtimer Trophy und Cup- und Tourenwagen Trophy haben. Wie Hatscher es schaffen möchte, diese Fahrzeuge, die nach sehr unterschiedlichen technischen Reglements aufgebaut wurden, alle unter dem DMSB-Gruppe-H- und CTC-Reglement zu vereinen und mit nur vier ausgeschriebenen Klassen chancengleiche Rennen auszutragen, bleibt vorerst ebenfalls sein Geheimnis. Für 2022 sind sechs Wertungsläufe à 30 Minuten bei drei Veranstaltungen, u.a. in Oschersleben und am Salzburgring geplant.

Wird auch an die Fahrer und Teams gedacht?

Eine Marketingabteilung der DTM-Organisation ist an dem Auftritt der spektakulären Rennwagen und Fahrer der ehemaligen DRM und DTM für die Zuschauer interessiert. Die Tourenwagen Legenden GmbH versucht mit einer neuen Rennserie ihr bisheriges Konstrukt am Leben zu erhalten.

Foto: Porsche AG
Doch haben diese Konzepte auch die breite Masse der Fahrer und Teams im Visier, die mit beschränktem Budget die Basis einer jeder Amateurrennserie stellen? Mit nur einer Handvoll Teilnehmern bei der heutigen Kostensituation wird jede Rennserie ein Zuschuss-Geschäft bleiben. Dass dies kein langlebiges Konzept ist, haben viele gescheiterte Versuche der letzten Jahrzehnte nicht nur im Historischen Rennsport gezeigt.

Dass es auch anders geht, zeigen die wenigen Serien, die mit Kontinuität, ohne große Sponsoren und mit gemäßigten Nenngebühren auf die Bedürfnisse der Fahrer und Teams eingehen. Als Beispiel zu nennen sind hier die Youngtimer Trophy, die seit 29 Jahren besteht, der Kampf der Zwerge, die Cup- und Tourenwagen Trophy (CTT) und der FHR Langstreckencup, die seit vielen Jahren bei Fahrern, Teams und Zuschauern gleichermaßen beliebt sind und mit vielen Teilnehmern erfolgreich der steigenden Kostensituation trotzen.

Bei einer stagnierenden oder sogar sinkenden Anzahl von aktiven Fahrern und Rennwagen in der historischen Rennszene belebt Konkurrenz nicht das Geschäft, sondern verringert die Wirtschaftlichkeit der einzelnen Serien. Kooperation und nicht Kannibalisierung könnte dem entgegenwirken. Davon scheint die aktuelle Situation jedoch weit entfernt.

Weiterführende Links:

DTM-Classic: https://dtm.com/de/dtm-classic
Tourenwagen Classics: https://tourenwagen-classics.com
Tourenwagen Classic: https://tourenwagen-legenden.de/tourenwagen-classic/
Tourenwagen Classics Digital: https://www.aba-esport.de/index.php/twcd-season-2022/
Tourenwagen Legenden: https://tourenwagen-legenden.de/
Tourenwagen Revival: https://tourenwagen-legenden.de/tourenwagen-revival/
Youngtimer Trophy: https://www.youngtimertrophy.de/
Cup- und Tourenwagen Trophy: https://www.cup-tourenwagen-trophy.de/
Kampf der Zwerge: http://www.kampf-der-zwerge.com/
FHR Langstreckencup: https://fhr-race.de/hec/

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Ein Kommentar zu “Chaos bei den historischen Tourenwagen und das verlorene „s“

  1. Sehr ordentlich und gut recherchiert und sehr objektiv und fair geschrieben. Das ist Journalismus wie er aus dem Lehrbuch kommt.
    Prima! Nicht einfach bei dem Thema mit den beteiligten Alphamännchen welche die Suppe immer weiter verwässern. Immer ungut wenn Serienorganisatoren selber ins Lenkrad greifen und aufs Podium wollen.

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