Am Samstagmorgen während des Zeittrainings zu NLS 2 ereignete sich im Abschnitt „Stefan-Bellof-S“, genauer zwischen den Posten 177 und 178a, ein schwerer Unfall dem eine längere Code-60 Phase folgte. Hier kollidierte der Ferrari 488 GT3 #26 des Schweizer Rennstalls Octane126 mit dem BMW 325i #728, eingesetzt vom Team EPS-Rennsport aus Bubsheim. Der Vorfall beim NIMEX 45. DMV 4-Stunden-Rennen am 17. April 2021 wurde von den DMSB Sportkommissaren mit einer Rückversetzung des Ferrari um 10 Startplätze bei der nächsten NLS-Teilnahme bestraft.

Symbolbild RTW Rettungswagen Nürburgring Nordschleife
Foto: L. Rodrigues

Octane126 Pilot Jonathan Hirschi versuchte an einer ungeeigneten Stelle den V4-BMW rechts zu überholen. Dabei kam es unter hoher Geschwindigkeit zum Kontakt und der EPS-Rennsport BMW überschlug sich sofort. Fahrer Georg Kiefer wurde ins Medical Center des Nürburgrings transportiert und mit dem Helikopter ins Krankenhaus gebracht, welches er glücklicherweise am Folgetag mit nur leichten Verletzungen verlassen hatte.

Nach Sichtung der Onboard-Aufzeichnungen durch die Sportkommissare hat sich Georg Kiefer regelkonform verhalten und als kleinere Klasse seine Ideallinie nicht verlassen und dies auch durch „nicht blinken“ signalisiert, auch da nur wenige Meter weiter ausreichend Platz für den deutlich schnelleren GT3 zum Überholen gewesen wäre.

Urteil Sportkommissare NLS2 Unfall Octane126 #26
Urteil Sportkommissare NLS2 Unfall Octane126 #26

Kiefer ist durch seine Tätigkeit als Instruktor und Teilnehmer der RCN ausreichend erfahren, um in solchen Situationen richtig zu agieren. Der Frankfurter schildert gegenüber LSR-Freun.de den Hergang aus seiner Sicht: „Unter nahezu idealen Strecken- und Wetterbedingungen, die am Samstagmorgen herrschten, war ich nach den vielen Gelbphasen zu Beginn auf meiner schnellen Runde unterwegs und habe den Ferrari kurz vor dem Streckenabschnitt Stefan-Bellof-S im Rückspiegel gesehen. Ich habe mich sofort dazu entschieden durchzuziehen und den Blinker nicht zu setzen, weil es mit einem V4 Fahrzeug an dieser Stelle nur eine Linie gibt. Wie in der Fahrerbesprechung immer wieder betont, bin ich wie angezeigt auf der Ideallinie geblieben. Vor allem von erfahrenen Piloten, egal aus welcher Klasse, erwarte ich in dieser Situation kurz Luft zu lassen, um dann nach dem Bellof-S ohne Probleme mit dem vorhandenen Leistungsüberschuss zu überholen.“

Team EPS-Rennsport BMW 325i NLS2 2021
Foto: L. Rodrigues

„Ehe ich mich versah gab es einen Schlag auf das Heck. Offensichtlich wollte er innen vorbei, kam dabei auf die Wiese und traf mich mit geschätzt 220km/h, so dass mein Auto sich sofort aufs Dach drehte. Das war für mich der schlimmste Moment, da ich befürchtete mich aufzurollen und mehrfach zu überschlagen. Der erste Aufprall auf die Räder zurück war ein harter Schlag für die Wirbelsäule, doch zum Glück blieb das Auto nicht auf dem Dach liegen.“, blickt Kiefer zurück und führt fort:

Georg Kiefer
Foto: Georg Kiefer-Privat

„Der nächste Gedanke war, dass der Verkehr genau auf die Fahrerseite zukam und da hoffentlich nicht noch schlimmeres passiert. Doch dank der großartigen Reaktion der Sportwarte wurde sofort mit Doppelgelb und danach mit Code 60 abgesichert. Die Damen und Herren haben wertvolle Arbeit geleistet und möglicherweise Folgeschäden verhindert. Als die Staffel dann vor Ort war bin ich über die Leitplanke und spürte einen Schmerz in der Wirbelsäule. Die heftigen Schmerzen waren dann auch der Grund für meinen sofortigen Transport per Helikopter in die Universitätsklinik nach Bonn.“

Wie ging es weiter?

Der Frankfurter wird in den kommenden Wochen die Physiotherapie besuchen und hoffentlich keine bleibenden Schäden davontragen, das bestätigte ihm ein Orthopäde am Dienstag nach dem Unfall. Das Octane126 Team hat sich mittlerweile schriftlich für den Vorfall entschuldigt und sich beim Team nach dem Gesundheitszustand des Fahrers erkundigt. Vor Ort waren sich zunächst weder Fahrer noch Teamchef nach Sichtung der Videoaufnahmen einer Schuld bewusst und suchten diese sogar beim BMW-Piloten. Für Kiefer ist die Saison in der Nürburgring Langstrecken-Serie bereits wieder zu Ende, bevor er nur eine Rennrunde absolvierte, er plante eigentlich weitere Starts übers Jahr.

Zerknirscht erklärt er: „Ich finanziere meine Einsätze ausschließlich mit dem Geld, was ich mir selbst zusammengespart habe. Der BMW ist wohl ein Totalschaden, weil die A-Säule verformt und quasi jedes Teil am Auto rundum beschädigt ist. Die Selbstbeteiligung der Kasko ist im Motorsport natürlich relativ hoch, so dass mein privates NLS Budget für dieses Jahr damit schon so gut wie aufgebraucht ist. Dieser NLS-Lauf war quasi mein eigenes Geburtstagsgeschenk.“

Am Freitag vor dem Rennen feierte er seinen 33. Geburtstag. Sarkastisch sagt er: „Ab sofort darf ich am 16. und 17. April Geburtstag feiern, weil mich ein übermotivierter Pilot von der Strecke gekegelt hat. Ich kann mich weder in Luft auflösen noch die Gesetze der Fahrphysik neu schreiben. Den mehr als offensichtlichen Fehler nicht direkt einzugestehen fand ich schwach. Auch das zunächst versucht wurde mir ein Fehlverhalten durch Blinken oder Bremsen in die Schuhe zu schieben enttäuscht mich schon sehr!“

Octane126 Ferrari 488 GT3 #26 NLS2 2021
Foto: L. Rodrigues

Angesprochen auf die „strenge“ der Bestrafung äußerte sich Kiefer wie folgt: „Die 10 Plätze als Strafe zeigen zumindest, dass es sich auch nach Meinung der Stewards um einen schwerwiegenden Verstoß laut Strafen-Katalog handelt, auch wenn diese in einem 4h-Rennen wohl nicht Rennentscheidend sein werden. Letztendlich hat aber das Team selbst und die anderen Fahrer keinen Fehler begangen, ich wünsche mir da eher eine deutliche Strafe für den Piloten, der in dieser Hinsicht schon mehrfach auffällig wurde. Am Ende hilft es mir aber nun auch nicht mehr weiter, denn ich bin wohl für den Rest des Jahres nur noch Zuschauer bei der NLS.“

Jonathan Hirschi musste nach einem Vorfall 2018 bereits seine Nordschleifen-Permit abgeben und im Nachgang vollständig neu erwerben. Bereits im Jahr zuvor kam es zu einem weiteren Vorfall in der WEC bei dem J. Hirschi eine Kollision unter roter Flagge verursachte, welche eine Strafe nach sich zog.

Georg Kiefer betont abschließend: „Die Serie lebt von der tollen Mischung der Klassen sowie der Faszination, die vor allem die GT3 mitbringen, keine Frage. Und dass ein faires Miteinander sich mit schnellen Rundenzeiten verträgt, hat der vergangene Samstag im Grunde bewiesen. Die Top-10 war komplett unter 8 Minuten und auch die kleinen Klassen mit einem Clio schafften neue Rekordrunden. Es geht also sehr gut mit GT3 Fahrzeugen im Feld und ich weiß, dass die allermeisten Pilotinnen und Piloten selbst unter Adrenalin und Leistungsdruck fair miteinander umgehen. Einen unmöglichen Überholversuch in einer High-Speed-Passage, noch dazu im Zeittraining bei ansonsten komplett freier Strecke, kann ich jedoch nicht nachvollziehen. In solchen eindeutigen Fällen würde ich mir in Zukunft eine Erweiterung des Strafen-Katalogs wünschen, damit nach solchen Vergehen, ähnlich wie bei Code60 Verstößen, ein genauerer Blick auf die Nordschleifen Permit gelegt wird.“

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Dieser Beitrag wurde von verfasst.

Lutz Rodrigues Do Nascimento wurde in den 70er Jahren vom Motorsport-Virus infiziert, sein Onkel war im Porsche-Werk Weissach tätig und nahm ihn damals schon mit zu den Rennfahrzeugen. Seit 2011 ist er regelmäßig am Nürburgring bei der VLN mit der Kamera vor Ort und konnte sich somit ein Netzwerk an Bekanntschaften zu Teams, Fahrern und der Streckensicherung knüpfen. Seit März 2017 ist Lutz Teil der LSR-Freun.de und gilt als unser Draht zu den Teams und Fahrern. Mit Fotos und Stories aus den engsten Kreisen sorgt er immer wieder für staunende Gesichter.
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