Seit Tagen wird in den Foren und Facebook-Gruppen spekuliert. Kommt eine Pflicht zur Akkreditierung von Fotografen bei den Touristenfahrten am Nürburgring? Bisher wurden Bilder, egal ob aus der Sicherheitszone oder aus dem Zuschauerbereich von unzählbaren Fotografen im Netz angeboten. Für manche anscheinend ein so lukratives Geschäft, um sich stundenlang auf Motivjagd zu begeben oder mit mehreren Kameras Youtube-Videos zu erstellen. Grund genug, um ein wenig genauer nachzufragen.

Unter mehreren Aspekten bewegten sich die Fotografen in einer rechtlichen Grauzone. Zum einen erstellten sie Fotomaterial zum Verkauf auf einem Gelände im Privatbesitz. Zum anderen wurden Personen abgelichtet und veröffentlicht, ohne deren Einwilligung. Ebenso die Nutzung der „Marke Nürburgring“ war fraglich.

Mindestens genauso fragwürdig waren die Stellen, an denen sich so mancher Hobbyfotograf aufgehalten hat. Plätze welche bei Rennveranstaltungen für akkreditierte Pressefotografen als Sperrzone ausgewiesen sind. Oft mussten diese von den Sportwarten der Streckensicherung weggeschickt werden und es gab häufig Diskussionen. Neben der Mühseligkeit solcher Debatten, waren die Sportwarte in dieser Zeit von ihrer eigentlichen Aufgabe – dem beobachten und absichern des Verkehrs – unnötig abgelenkt.

Die Unfälle bei den Touristenfahrten waren für die Betreiber einschlägiger Youtube-Kanäle immer ein Garant für viele Klickzahlen, ohne Rücksicht darauf, ob Insassen verletzt wurden oder in entwürdigenden Situationen dargestellt wurden. Wichtig war die Sensation eines weiteren Crashs schnellstmöglich online zu stellen. Der Betreiber des wohl bekanntesten Kanals hat inzwischen ein polizeilich durchgesetztes Hausverbot.

Die zusammengeschnittenen Unfallvideos warfen auch ein negatives Bild auf die Touristenfahrten. So suggerieren sie ja, dass sich im Minutentakt Abflüge, Einschläge oder Überschlage ereignen. Natürlich überschätzen viele ihr Können und unterschätzen die Gefahren der „Grünen Hölle“, was sie dann oft teuer bezahlen müssen. Ebenso motivierten die Clips über das verbotene Driften durchs Brünnchen auch noch mehr Teilnehmer, diesen Möchtegern Ken Blocks nachzueifern.

Anders bildete sich das Gebaren von professionell arbeitenden Ringfotografen ab. Diese veröffentlichten auch in der Vergangenheit keine Unfallbilder, sie stellten ihr Material sogar zur Beweissicherung den Behörden und dem Betreiber zur Verfügung. Trotzdem befanden sich die gewerblichen Fotografen immer in einer Grauzone und galten auch nur als „geduldet“.

Der Redaktion von LSR-Freun.de liegt nun eine E-Mail vor in der die zukünftige Regelung ab 2020 recht deutlich definiert ist. Der Versender der E-Mail ist die Seite racetracker.de welcher einen Pool an Fotografen vertritt, die ihre Bilder zum Verkauf anbieten. Racetracker ist nach Angaben des Nürburgring-Betreibers Vertragspartner, der für die Fotografen die Plattform zum Verkauf der Fotos offiziell betreiben darf.

Alexander Gerhard, Pressesprecher der Nürburgring 1927 GmbH & Co KG: „Wir haben die Plattform Racetracker ausgewählt, da diese seit Jahren einen hohen Qualitätsstandard hat, mit dem sich der Nürburgring auch identifizieren kann. Wir sind uns sicher, dass der beschrittene Weg eine weitere Verbesserung in vielerlei Hinsicht darstellt. Im Endeffekt gab es in Bezug auf die Fotografen nur zwei Optionen. Entweder alle aus den Sicherheitsbereichen entfernen und somit den Fotografen und den Touristenfahrern, die ein Andenken haben möchten zu schaden, oder sich darüber Gedanken zu machen, wie man es gemeinsam als Community hinbekommt.Nun gibt es eine Schulung und ein ordentliches Akkreditierungsverfahren für die Fotografen, die für Racetracker.de arbeiten und durch beide Parteien – Nürburgring und Racetracker – zugelassen werden. Darüber hinaus haben wir die Möglichkeit ein Fehlverhalten einzelner Fotografen mit dem Entzug der Akkreditierung und der Entfernung von der Verkaufsplattform zu sanktionieren. Unser Ansatz gibt allen Handlungssicherheit und bewahrt die Mehrwerte.“

Die Fotografen bekommen eine Sicherheitsschulung über das Verhalten an der Strecke und die definierten Sperrzonen. Diese Sperrzonen decken sich mit denen bei Rennveranstaltungen auf der Nordschleife, ansonsten dürfen sich die Fotografen frei um die Strecke bewegen. Entgegen anderen Berichten werden nicht spezielle Fotoplätze ausgewiesen. Weiterhin wird in dieser Schulung das korrekte Verhalten um die Strecke angesprochen. So ist zum Beispiel auch das Einfahren in den Wald rund um die Strecke bei den Touristenfahrten für Fotografen untersagt. Genutzt werden dürfen ausschließlich offizielle Wege und Möglichkeiten. Tim Robertz wird über die Rechtliche und finanzielle Abwicklung des Fotoverkaufs aufklären, erst dann können Akkreditierung und entsprechende Fotografen-Leibchen vergeben werden. Eine Enthaftungs-Erklärung ist für die Akkreditierung obligatorisch, somit sichert sich der Betreiber gegen Regressansprüche nach Unfällen ab.

Symbolfoto Touristenfahrten
Foto: R. Schäfer

Die Schulungen finden vor der Saison statt und werden gemeinsam vom PR-Leiter des Nürburgrings, dem Leiter der Streckensicherung und Racetracker durchgeführt. Für diese Fotografen werden dann zur Kenntlichmachung Fotografen-Westen ausgegeben, sodass die Streckensicherung bereits aus der Ferne erkennen kann, wer sich hinter den Leitplanken beziehungsweise vor dem FIA-Zaun in den erlaubten Bereichen aufhält. Alexander Gerhard hierzu: „Zugelassene Fotografen müssen zum einen von der Streckensicherung erkannt werden, sich aber zum anderen auch vom Publikum optisch abgrenzen. So wird den Menschen hinter dem Zaun auch gezeigt: Der oder die darf da stehen, ich nicht. In der Vergangenheit war es schwer vermittelbar warum Besucher hinter den Zaun geschickt wurden, manche mit Fotoapparat jedoch nicht.“

Tim Robertz ist der Kopf von Racetracker und Ansprechpartner. Ebenso wickelt er die Abrechnungen mit den Fotografen ab welche somit keinerlei kaufmännische Arbeit mit Kunden haben. Provisionen werden transparent und fair abgeführt, auch an die Nürburgring 1927 GmbH & Co. KG.

Gegenüber LSR-Freun.de erklärt er: „Ich freue mich für meine Kolleginnen und Kollegen, dass wir mit dem Nürburgring nun eine klare, faire und praktikable Lösung gefunden haben. Somit können wir unsere Arbeit in der Saison 2020 noch besser ausführen. Auch für die Fotografen waren die Diskussionen mit der Streckensicherung oft nervenraubend. Nun schauen wir in eine sichere Zukunft.“ Der Bonner weiter: „Grundsätzlich kann sich jeder Interessent bei mir melden. Für die Abrechnung der Bilder gelten die AGB von Racetracker.de welche auch die Preisgestaltung in den Händen der Bildersteller lässt. Eine Preiserhöhung ist nicht angedacht, wir überlegen sogar diverse Mengenrabatte fotografenübergreifend anzubieten. Ebenso ist für die Schulung oder die Akkreditierung nichts zu bezahlen.“

Robertz ist für weitere interessierte Fotografen der Ansprechpartner und betonte, dass grundsätzlich jeder mit einem entsprechenden Gewerbe sich zur Schulung und Akkreditierung anmelden darf. Er appelliert jedoch, dass eine Fotografen-Weste dann kein Freibrief an der Strecke ist und Missachtungen der Regeln sofort auch wieder zum Entzug der Akkreditierung führen. „Die Sicherheit hat für den Nürburgring und auch für uns höchste Priorität!“, so Robertz.

Abschließend fügt Gerhard noch dazu: „Die Akkreditierung berechtigt nur zum Erstellen und zum Vertrieb von Fotos. Bewegte Bilder in Form von Videos oder Live-Streamings dürfen von den Fotografen nicht veröffentlicht werden. Für Bewegtbilder gelten noch einmal eigene Voraussetzungen und sind der Presseverwertung oder der offiziell lizensierten, kommerziellen Verwertung, zum Beispiel von Herstellern vorbehalten. Dennoch darf natürlich weiterhin jeder Besucher und Tourist am Nürburgring außerhalb der Sicherheitszonen – also hinter dem FIA-Zaun – privat für seine Erinnerung filmen.“ Sein Fazit: „Wir haben nun Professionalität und Qualität, verbunden mit dem Sicherheitsaspekt unter einem Dach. Fotografen können beruhigt und offiziell ihrer Arbeit nachgehen. Ich freue mich auf das Projekt und bin mir sicher, dass es der Schritt in die richtige Richtung ist.“

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Dieser Beitrag wurde von verfasst.

Lutz Rodrigues Do Nascimento wurde in den 70er Jahren vom Motorsport-Virus infiziert, sein Onkel war im Porsche-Werk Weissach tätig und nahm ihn damals schon mit zu den Rennfahrzeugen. Seit 2011 ist er regelmäßig am Nürburgring bei der VLN mit der Kamera vor Ort und konnte sich somit ein Netzwerk an Bekanntschaften zu Teams, Fahrern und der Streckensicherung knüpfen. Seit März 2017 ist Lutz Teil der LSR-Freun.de und gilt als unser Draht zu den Teams und Fahrern. Mit Fotos und Stories aus den engsten Kreisen sorgt er immer wieder für staunende Gesichter.
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