Der Lamborghini Huracán GT3 Evo #63 mit Franck Perera am Steuer sah aus wie der eindeutige Sieger beim Sonntagsrennen des ADAC GT Masters auf dem Sachsenring am 04. Oktober 2020. Zwar war ein Vergehen während der Restart hinter dem Safety-Car noch durch die Rennleitung in Untersuchung, doch die Ziellinie war schon sichtbar als die Rennleitung eine Durchfahrts-Strafe aussprach. Da diese jedoch nicht mehr realisierbar war wurde sie in eine 30 Sekunden Zeitstrafe gewandelt. Damit wurde der grüne GRT-Lambo am grünen Tisch vom obersten Podest Platz auf den zehnten Rang durchgereicht.

GRT Grasser Racing Team ADAC GT Masters Sachsenring 2020
Foto: Livestream ADAC GT Masters / YouTube

Die Enttäuschung, Fassungslosigkeit und Wut des GRT Grasser Racing Team konnte am Bildschirm verfolgt werden, Grasser funkte ständig mit Perera. Sein Teamkollege Albert Costa Balboa schüttelte ungläubig den Kopf. Nach dem Podiumsplatz in Hockenheim wäre der Sieg auf dem Sachsenring für das Team ein weiterer Erfolg in der Serie. Doch statt 25 Punkte gab es nur noch magere 6 Punkte auf das Fahrerkonto.

Nur kurze Zeit später deutete Gottfried Grasser an, der ADAC GT Masters „Bye“ zu sagen.
Gegenüber LSR-Freun.de erklärte er am Sonntag: „Es ist sehr schade, dass es offensichtlich zwei Personen des DMSB schaffen, eine so tolle Serie wie die ADAC GT Masters so ins Lächerliche zu ziehen in dieser Saison. Das hatte man schon zum Saisonbeginn gesehen. Es waren immer wieder in den Rennen dumme Vorfälle, bei denen sie nicht in der Lage waren, einmal neutral, zumindest nachdenklich zu bewerten.“

Nachdem sich der Puls nach dem Rennen beruhigt hat und Grasser sich mit dem Team und den Piloten weitere Gedanken machen konnte, sprachen wir erneut mit dem Teamchef.

Herr Grasser, der Gesamtsieg war zum Greifen nahe und hart erkämpft, dann dieses Urteil noch im laufenden Rennen. Was ging ihnen während der Zieldurchfahrt von Perera durch den Kopf?

Die Antwort hierauf ist einfach: Klar wussten wir, dass der Vorfall unter Beobachtung ist und uns der ADAC bzw. DMSB bestrafen kann. Wir erinnerten uns am Team-Funk an den Vorfall mit dem SSR-Porsche, hatten die Entscheidung hierzu aus dem Notice-Board herausgesucht und dachten dann halt „okay, eine Penalty von fünf Plätzen beim nächsten Rennen wäre gerecht.“ Somit wäre das nicht ganz so schlimm, Fehler werden gemacht, zu Fehlern steht man und trägt dann auch die Konsequenzen. Doch dann erschien auf dem Bildschirm: Drive-Trough-Penalty #63. Das war für mich in der Situation völlig unverständlich, denn eine solche Strafe ist nicht umwandelbar.

Was genau war falsch am Verhalten nachdem das Safety-Car beschleunigte, um in die Boxengasse abzubiegen? Wurden hier seitens der Rennleitung Telemetrie Daten ausgewertet oder nur auf die zur Verfügung stehenden Videos geschaut?

GRT Grasser Racing Team ADAC GT Masters Sachsenring 2020
Foto: Livestream ADAC GT Masters / YouTube

Telemetrie Daten besitzen wir da keine. Wir haben uns im Nachhinein dann angeschaut, dass der Franck im Bereich von 10-15 Km/h zeitgleich Gas gab und auch mit bremste. Dieses Vorgehen ist absolut üblich und wird von allen so gehandhabt, um eine gewisse Grundtemperatur in die Bremsen zu generieren, bevor sie in der ersten Kurve greifen müssen. Eigentlich ein logischer Vorgang. Selbst Markus Pommer sagte im Interview vor der Kamera, ihm ist da nichts Außergewöhnliches aufgefallen und er dachte auch nicht darüber nach da was dem Team zu melden.“

Die Rennleitung meldete den Vorfall „under Investigation“, gingen Sie davon aus, dass ein Urteil erst nach dem Rennen durch die Sportkommissare nach Sichtung aller Belege gefällt wird? Das von Ihnen angesprochene Urteil vom Nürburgring wurde auch erst nach dem Rennen verhängt und beeinflusste das Rennergebnis damals für das Team SSR Performance nicht, sondern hatte eine Zurückversetzung um fünf Startplätze beim nächsten Rennen zur Folge.

Das kannst du nun auf zwei Arten sehen. Grundsätzlich sollte der Rennleiter, wenn er sich nicht sicher ist, den Fall an die Stewards weiterzugeben. Dann wird immer nach dem Rennen intensiver beurteilt und gegebenenfalls eine Strafe ausgesprochen. Aber wenn der Rennleiter direkt eine Strafe, in diesem Fall eine Durchfahrts-Strafe, ausspricht ist diese nicht protestierbar. Ich vermute es war dem Rennleiter in diesem Fall recht so zu entscheiden, um seine Macht auszuspielen und einen Protest nicht zu ermöglichen. Da hat das Team keine Chance, auch nicht mal, um Stellung zu beziehen.

Gibt es tatsächlich nicht die Möglichkeit ein Berufungsgericht gegen die Strafe einzuschalten? Immerhin geht es hier um den Gesamtsieg mit allen Punkten und natürlich dem finanziellen Aspekt im Vergleich zum 10. Platz.

Nochmal, ein klares Nein. Eine Durchfahrts-Strafe, die im Rennen verhängt wird, kann nicht angefochten werden, so sehen es die Regularien vor. Da gibt es keinen Protest. Somit wurde in meinen Augen das Team geknebelt. Selbst die ausgesprochene Drive-Trough ahndet üblicherweise ein starkes Vergehen, also wenn ich bewusst ein Rennergebnis beeinflussen möchte oder andere Teilnehmer gefährde oder verletze. Da ist eine Bestrafung auch immer nötig und angebracht. In unserem Fall muss ich sagen, wir haben weder jemanden blockiert noch einen Unfall verursacht. Meiner Auffassung nach hätte der Rennleiter eindeutig sagen sollen, dass dies im Nachhinein erst analysiert wird. Wie erwähnt, am Nürburgring hatte es so ja funktioniert, bei uns nicht. Bei gleicher Rennleitung.

Sie meldeten dann sehr schnell über den Facebook Kanal, dass das GRT Grasser Racing Team möglicherweise der ADAC GT Masters den Rücken kehren wird. Ist hier schon eine Entscheidung gefallen? Immerhin stehen übernächste Woche die Heimrennen auf dem Red Bull Ring im Kalender. Werden die Fans die drei Lamborghinis im Grid sehen?

GRT Grasser Racing Team Albert Costa Balboa Hockenheimring ADAC GT Masters 2020
Foto: L. Rodrigues

So direkt wurde das nicht gesagt und es ist bisher weder eine Entscheidung darüber getroffen worden ob wir weiterfahren oder den Ausstieg erklären. Wir machen uns aktuell nur sehr viele Gedanken, warum machen wir Autorennen? Warum der Einsatz mit einer ganzen Menge Leuten, mit Herzblut, Verhandelt mit Sponsoren und arbeitet mit Werken, die dahinterstehen und und und…? Und dann wirst du am Ende der Fairness beraubt. Darum geht es uns nach der ganzen Geschichte – die fehlende Fairness. Das ein Fehler gemacht wurde das können wir gestehen, dass der Fehler Konsequenzen hat, akzeptieren wir. Aber diese Konsequenzen müssen für jedes Auto, gleich ob es Schwarz, Blau, Grün, Weiß oder Gelb ist, die gleichen sein. Das ist in diesem Fall nicht passiert. Wir werden uns bis zum Heimrennen weiterhin beraten.

In wieweit erscheint ihnen nun ein Start in der geplanten DTM-GT3+ interessant? Gab es hierzu schon vor dem Sachsenring Überlegungen und falls ja, welche? Wenn neben einem möglichen Einsatz der Scuderia Cameron Glickenhaus mit dem SCG 004C auch noch drei Huracán die Teilnahme erklären würden, wäre das schon ein interessantes Feld.

GRT Grasser Racing Team ADAC GT Masters Hockenheimring 2020 Lamborghini Huracán GT3 EVO
Foto: L. Rodrigues

Puh, da es dazu noch kein ausgearbeitetes Konzept gibt kann ich da wirklich noch nichts sagen ohne fertiges Reglement. Aber ich denke jedes Rennteam schaut mit einem Auge darauf, das ignoriert sicherlich keiner im GT3 Sport. Ich denke, dass diese DTM-GT3-Serie etwas Interessantes werden kann. Die Entwicklung werden wir in den nächsten Wochen sehen.

Mit gemischten Gefühlen beendete Grasser das Gespräch. Für ihn und das Team ist noch nicht sicher, was als nächstes kommt. Schlussendlich stellt er sich die Frage nach dem Sinn des Weitermachens unter den für ihn unvorhersehbaren Bedingungen. Auch bestätigt ihn das ganze Medienecho, dass offensichtlich schon einige Dinge im Argen sind.

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Dieser Beitrag wurde von verfasst.

Lutz Rodrigues Do Nascimento wurde in den 70er Jahren vom Motorsport-Virus infiziert, sein Onkel war im Porsche-Werk Weissach tätig und nahm ihn damals schon mit zu den Rennfahrzeugen. Seit 2011 ist er regelmäßig am Nürburgring bei der VLN mit der Kamera vor Ort und konnte sich somit ein Netzwerk an Bekanntschaften zu Teams, Fahrern und der Streckensicherung knüpfen. Seit März 2017 ist Lutz Teil der LSR-Freun.de und gilt als unser Draht zu den Teams und Fahrern. Mit Fotos und Stories aus den engsten Kreisen sorgt er immer wieder für staunende Gesichter.
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