Seit Monaten, genauer seit März 2020, war der SCG 004C startbereit für den Auftritt in der Grünen Hölle des Nürburgrings. Ursprünglich wollte Jim Glickenhaus seinen Supersportwagen mit Ambitionen auf eine GT3-Homologation schon beim zweiten Lauf der Nürburgring Langstrecken-Serie (im Vor-Corona-Zeitplan) sowie beim ADAC TOTAL 24h-Qualifikationsrennen auf dem Nürburgring einsetzen, um das Auto für den Jahreshöhepunkt am langen Himmelfahrts-Wochenende 21. Bis 24. Mai perfekt abzustimmen.

Doch COVID-19 warf sämtliche Rennkalender durcheinander und so ging die Scuderia Cameron Glickenhaus beim ROWE 6 Stunden ADAC Ruhr-Pokal-Rennen am 29. August 2020 erstmals an den Start. Die Nordschleifen-Jungfernfahrt fand bereits am Freitag davor statt.

Scuderia Cameron Glickenhaus SCG 004C NLS 2020
Foto: L. Rodrigues

Das erste größere Problem für das Team trat dabei dann schnell auf. Der SCG 004C war für die strengen Lärmbeschränkungen für die in einem Naturschutzgebiet liegenden Nordschleife zu laut. Die Techniker der Scuderia Cameron Glickenhaus versuchten es zuerst mit mehr Dämmung am Auto und der Auspuffanlage. So ging am späten Vormittag Franck Mailleux auf die zweite Testrunde als die Abgasanlage, bedingt durch den Druck des Rückstaus, einen Riss bekam und ein kleines Feuer im Motorraum ausbrach. Mailleux stellte das Auto daraufhin im Abschnitt Galgenkopf ab und dank der schnell parat stehenden Marshals und Mailleux eigenem löschen konnte größerer Schaden verhindert werden.

Scuderia Cameron Glickenhaus SCG 004C NLS 2020
Foto: L. Rodrigues

„Daraufhin war für das gesamte Team Arbeit bis spät in die Nacht angesagt, denn da war uns ein Fehler unterlaufen, aus dem wir lernten. Aus diesem Grund fahren wir Rennen, um zu verbrennen, lernen und gestärkt daraus hervorzugehen. Da unser Auto super durchdacht konstruiert wurde konnten wir es am Samstagmorgen pünktlich zum Training wieder voll repariert ins Qualifying starten lassen.“ erklärt Glickenhaus. Er betont weiter: „Nicht nur die modulare Bauweise, auch das Team wusste was zu tun war. Einen großen Dank möchte ich nochmals an Black Falcon und Schnitzer Motorsport senden – ihr habt uns wertvolle kollegiale Hilfe geleistet!“

Jim Glickenhaus
Foto: L. Rodrigues

Im Telefonat mit LSR-Freun.de fiel die Bilanz von Jim Glickenhaus, der am Sonntag wieder in die USA zurückflog, über das Rennwochenende begeistert, jedoch mit Einschränkungen aus. So begann er zu erzählen: „Es war für meinen Sohn Jesse und mich nicht sehr einfach für die wenigen Tage nach Deutschland zu kommen. Zum Glück hat es geklappt und wir haben uns bewusst aufmerksam und sorgfältig an alle Hygiene- und Abstandsregeln gehalten und jeglichen Kontakt außerhalb der Box so gut es ging vermieden. Wir haben uns vor der Abreise sowie nach der Heimreise testen lassen. Daher musste auch LSR-Freun.de leider auf ein geplantes persönliches Interview mit mir verzichten, das holen wir heute gerne nach! Und ja, es war großartig endlich mit dem SCG 004C Langstreckenrennen auf der Nordschleife zu fahren – ein großer Schritt für das Team ist getan!“

Ein wichtiger Aspekt des Premiere-Rennen war die Findung einer fairen Balance of Performance gegenüber den SP9-Konkurrenten nach GT3-Reglement. „Es gab nach dem Rennen noch ein Treffen mit den entsprechenden Köpfen des ADAC und DMSB, ich hoffe wir bekommen noch etwas mehr Leistung für den SCG 004C.“ sagte Glickenhaus und präzisiert: „Die Frage ist, ob wir so schnell werden dürfen wie es Audi oder Ferrari ist. Auch das Tankvolumen darf gerne nochmals überdacht werden. Etwas mehr Top-Speed könnten wir noch gebrauchen, um die Pace der Konkurrenz mitzugehen.“

Scuderia Cameron Glickenhaus SCG 004C NLS 2020
Foto: L. Rodrigues

Die schnellste Rennrunde des SCG 004C war mit 8:18,731 Minuten über die 24,358 km lange Variante des Nürburgrings, somit noch mehr als 20 Sekunden hinter dem Polesetter-Audi. Insgesamt spulten die Piloten Thomas Mutsch, Franck Mailleux und Felipe Fernandez Laser 33 Runden im Rennen sowie drei weiteren Umläufen im morgendlichen Zeittraining. „Mit zusätzlichen Lehrstunden in der Nacht haben wir am vergangenen Wochenende sehr viel wertvolles Wissen gewonnen. Ich freue mich unbeschreiblich darauf in drei Wochen bereits zum 24h-Rennen an diesen legendären Ort zurückzukehren.“ schließt Glickenhaus seinen Rückblick ab.

James Glickenhaus - Suderia Cameron Glickenhaus ADAC Zurich 24h-Rennen Nürburgring 2017
Foto: M. Brückner

Jim Glickenhaus wäre nicht er selbst, wenn er nicht immer auch neue Visionen hat und den Blick in die Motorsport-Zukunft wagt: „Ich könnte mir sehr gut auch den SCG 004C als GT3-Fahrzeug in einer Sprint-Serie mit höherer BoP vorstellen. Autos mit 630 bis 650ps verschiedener Werke, ein echtes Kräftemessen wie es der Ursprungsgedanke der DTM war, doch gerne auch auf internationaler Ebene.“

SCG 007 Update Aero
Foto: SCG

Weniger zuversichtlich visionär sieht er den ersten Einsatz des SCG 007 Hypercar inzwischen. Blickte er im April gegenüber LSR-Freun.de noch zuversichtlich auf die Premiere im März 2021 in Sebring, so befürchtet er, dass das Rennen möglicherweise nicht stattfinden kann. Auch die 24h Le Mans 2021, bei denen Glickenhaus zwei der Hypercar ins prestigeträchtigste Rennen der Welt schicken wollte, sieht er als Veranstaltung nicht so sicher.

„Solange Covid nicht unter Kontrolle ist, ist es unmöglich, die genaue Zukunft des Rennsports zu kennen. Nichtsdestotrotz ist unser Le-Mans-Hypercar 2-Auto-Programm voll auf Kurs. Wir arbeiten konzentriert weiter und werden den WEC/ACO-Zeitplan, wie er heute besteht, für 2021 einhalten.“

„Wir bringen in der Zwischenzeit den SCG 004C zum 24h-Rennen auf den Nürburgring und hoffentlich am Sonntagnachmittag bis ins Ziel mit gutem Resultat. Weiterhin wird der erste SCG 004S – die Straßenversion des 004 – im Rahmen des 24h-Rennen vorgestellt und bewegt werden. Das wird für mich wieder ein besonderer Moment, wie damals 2016 mit meinem Ferrari 330 P4, auf den ich mich sehr freue!“

Sebastian Vettel Scuderia Ferrari 2020 Formel 1
Foto: Scuderia Ferrari

„Weiterhin werden wir im Januar 2021 einen Test mit einigen potentiellen Piloten für den SCG 007h machen.“ verrät Glickenhaus. Auch geht durch die Presse, dass er kein Geheimnis daraus macht, Sebastian Vettel in seinen Fahrerkader aufzunehmen. Glickenhaus selbst ist seit Jahren ein sehr loyaler Teamchef und setzt auf konstante Fahrer sowie Teammitglieder statt einem häufigen Wechsel. Ein Schleudersitz für Vettel wie bei Formel 1 Teams gibt es bei der Scuderia Cameron Glickenhaus nicht. Aber Jim betont: „Wir meinen das durchaus ernst mit Seb, aber es gab bisher noch keinen direkten Kontakt. Unser Le Mans-Hypercar hat eine echte Chance gut abzuschneiden, so dass es inzwischen viele sehr wichtige und bekannte Fahrer gibt, die für uns fahren wollen. Da kamen schon einige auf uns zu.“

Scuderia Cameron Glickenhaus SCG 004C NLS 2020
Foto: L. Rodrigues

Glickenhaus wird in drei Wochen wieder nach Deutschland reisen. Dann wird die Scuderia Cameron Glickenhaus vom 24. Bis 27. September in der herbstlich Grünen Hölle die große Herausforderung zwei Mal rund um die Uhr bestreiten.

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Dieser Beitrag wurde von verfasst.

Lutz Rodrigues Do Nascimento wurde in den 70er Jahren vom Motorsport-Virus infiziert, sein Onkel war im Porsche-Werk Weissach tätig und nahm ihn damals schon mit zu den Rennfahrzeugen. Seit 2011 ist er regelmäßig am Nürburgring bei der VLN mit der Kamera vor Ort und konnte sich somit ein Netzwerk an Bekanntschaften zu Teams, Fahrern und der Streckensicherung knüpfen. Seit März 2017 ist Lutz Teil der LSR-Freun.de und gilt als unser Draht zu den Teams und Fahrern. Mit Fotos und Stories aus den engsten Kreisen sorgt er immer wieder für staunende Gesichter.
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