Es brauchte ein paar Tage, um die Ereignisse des diesjährigen 24H-Rennen einzuordnen und zu rekapitulieren. Wie in den vergangenen Jahren war es eine absolute Achterbahn an Gefühlen, von überschwingender Euphorie bis hin zur absoluten Enttäuschung. Von Tränen der Freude bis hin zu Tränen der Ernüchterung. Ein Rausch an Emotionen. Ein Kampf, ein Sieg, eine Niederlage.

Freude, Camping und Partystimmung

Insgesamt gingen am 24H-Jubiläum, dem 50. Eifel-Marathon, 135 Fahrzeuge an den Start. Dieses Mal kam es im Gegensatz zu den vorherigen Jahren weder zu einem Rennunterbruch noch zum inzwischen dazugehörigen Starkregen. Dafür enthielt das Pflichtprogramm ein aufreibendes Favoriten-Sterben, zahlreiche Unfälle, trickreiche Taktikspiele und unerwartete Wendungen.

Zum ersten Mal seit Beginn der Corona-Pandemie durften die Fans wieder hautnah mit auf der Strecke dabei sein und die zahlreichen Campingplätze rund um die Nordschleife besiedeln. Rund 230.000 Zuschauer erlebten am gesamten Wochenende den Wettkampf der Giganten und sorgten für eine einmalige und ausgelassene Atmosphäre. Mit der Rückkehr der Fans durften auch die Piloten den bekannten Grill- und Biergeruch wieder im Vorbeifahren mitnehmen. Der lebende Mythos ist zurück!

Auch in unserer Box war die Stimmung, der gegenseitige Ansporn und die Unterstützung hautnah zu spüren. Bedanken möchten wir uns daher insbesondere beim Team asBest Racing, Schemmann Motorsport und Köppen Motorsport für den Support und die tolle Zeit zusammen.

Rennverlauf

Manche mögen uns verurteilen, weil wir uns öffentlich und zudem kritisch über die Balance of Performance äussersten. Die Mehrheit bestätigte uns jedoch, da wir aussprachen, was im Grunde genommen alle dachten.

Foto: M. Brückner

In die 3 Qualifyings starteten wir mit einer Differenz in der Top Speed von über 10km/h zum schnellsten Fahrzeug. Ebenso brauchten wir alle 3 Runden, um das Setup unseres neuen Chassis einzustellen und neu zu justieren. Bis Ende des letzten Qualifyings gelang uns dies schliesslich, sodass wir unter den gegebenen Voraussetzungen alles auf die Strasse bringen konnten, was von unserer Seite aus möglich war.

Immer noch nicht zu fassen und unglaublich stolz machte uns unser grösster Erfolg im Top Qualifying, als wir mit Luca Ludwig als Fahrer und einer Zeit von 08.09.469 Minuten die beste Rundenzeit machten und uns somit die Pole Position für das Hauptrennen holten.

Wir durften somit im grossen 24H-Rennen an erster Position in die grosse Schlacht ziehen und den Ritt durch die Grüne Hölle antreten. Natürlich im Gepäck, eine schnell einberufende Strafe von plus 10kg in der BoP, weil man gewonnen hatte. So betrug die Differenz in der Top Speed auch während dem Rennen je nach Sektor zwischen 5 bis 9km/h zum führenden Fahrzeug. Auch hier muss man die Meinung vieler korrigieren, dass eine Bestplatzierung nur von der Balance of Performance abhängt. Die Pole zu holen klingt natürlich toll, nur war dies lediglich deshalb möglich, weil alle anderen Hersteller nicht die Performance zeigten, die sie eigentlich hätten. Warum? Weil der Polesetter in der Regel, wie man es dieses Mal in unserem Fall sehen konnte, mit einer Strafe in der BoP belegt wird, um ihn langsamer zu machen.

Wenn es also der Fall wäre, dass nur die BoP entscheidet, hätten wir unsere Konkurrenten nicht hinter uns lassen können. Es braucht mehr als auf der Geraden Vollgas geben zu können: Auf der sichtbaren Ebene erfordert es das Können des Fahrers, dessen ausgeprägte Reaktionsfähigkeit, blitzschnelle Reflexe und eine immense Antizipationsfähigkeit der zu erwartenden Fahrsituation. Die nächste Ebene betrifft die Boxencrew: Volle Konzentration und Prozesseinhaltung sowie die minuziöse und fehlerfreie Umsetzung der vorgegebenen Einstellungen durch die Ingenieure ist das absolute Muss. Eine weitere Ebene stellt das Fahrzeug selbst und deren korrekte Setupeinstellung dar. Das Lob und die Ehre eines Sieges geht daher zu gleichen Teilen an jedes einzelne Teammitglied, von den Piloten über die Ingenieure bis zu den Mechanikern.

Foto: L. Rodrigues

Im grossen Rennen gelang Jonathan Hirschi einmal mehr ein herausragender Start. Schon nach den ersten zwei Kurven konnte er einen relevanten Abstand zu seinen Verfolgern aufbauen. Die Führung konnte er bis zur zweiten Runde aufrechterhalten, dann schlug die Keule der massiv unterlegenen Top Speed zu. Auf nur einer Geraden wurden wir von 4 Fahrzeugen überholt und mussten sie chancen- und kampflos an uns vorbeiziehen lassen. Dem letzten Zweifler wurde nun vor Augen geführt, dass wir in der Top Speed keine Chance hatten, mit den grossen Werken mitzuhalten.

Foto: L. Rodrigues

Nach einer knappen Stunde kam es, wie in im NLS3 und in den Qualifiers erneut zu einer Kollision, als uns ein folgender BMW auffuhr und unser Heck sowie das Hinterrad zerstörte. Mit der Flex und viel Klebeband brachten wir unseren GT3 wieder auf Vordermann, verloren dadurch jedoch unendlich viel Zeit und einige Plätze. So begannen wir mit der Aufholjagd von Position 42 und kämpften uns in den darauffolgenden Stunden Platz um Platz weiter nach vorne.

Um 5 Uhr morgens, die Nacht war fast überstanden, beging unser Fahrer Björn Grossmann einen minimalen Fahrfehler und lenkte eine Millisekunde zu früh aus dem Schwalbenschanz. Das Auto hob ab und verlor die Kontrolle. Durch das unglückliche Touchieren der Leitblanke wurde die hintere Radaufhängung inklusive der Antriebswelle so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass wir nicht mehr weiterfahren konnten.

Insgesamt ist dies natürlich extrem schade, denn trotz vieler Hindernisse, Einschränkungen und trotz des Auffahrunfalls, haben wir uns in der Nacht sukzessive Position um Position zurück nach vorne gekämpft. Als wir ausschieden, befanden wir uns bereits wieder auf Platz 14. Eine Top Platzierung wäre absolut möglich gewesen. Wer weiss, vielleicht sogar mehr. Aber das ist Motorsport. Das ist die Grüne Hölle. Sie verzeiht nichts und verschluckt jeden, der nur den kleinsten Fehler macht.

Teamwork

Foto: L. Rodrigues

Kommen wir zum wichtigsten Punkt. Derjenige, der über Erfolg und Misserfolg am meisten entscheidet: Das Team. Was in den letzten Wochen von jedem Einzelnen von uns geleistet und bewiesen wurde, ist schlicht und einfach gesagt: Grossartig. Nicht nur im Motorsport, auch in allen anderen Berufen und im Leben läuft nicht immer alles nach Plan und man muss in der Lage sein, Rückschläge zu überwinden. In unserem Metier haben wir jedoch oft keine Zeit, um zur Ruhe zu kommen und neu Anlauf zu nehmen. Es entscheiden Minuten, oft nur Sekunden. Es entscheidet die Fähigkeit, möglichst schnell wieder aufzustehen und sich den neuen Gegebenheiten mutig und bewusst zu stellen. In unserem jetzigen Fall bedeutete dies, unser Auto innert 8 Tagen vor dem Rennen wieder komplett neu aufzubauen und einsatzfähig zu bekommen. Es bedeutete 2 Wochenenden durchzuarbeiten und am letzten Abend vor dem Rennen bis spät in die Nacht am Fahrzeug zu arbeiten. Auch an der Strecke selbst hat jeder Einzelne seine Höchstleistung geboten, der Zusammenhalt war stärker denn je und der Wille ungebrochen.

Selbst wenn wir nicht gewonnen haben, selbst wenn wir das Rennen vorzeitig abbrechen mussten – Wir haben bewiesen, dass wir in der Lage sind, ganz vorne mitzufahren, teilweise sogar zu führen. Wir haben die deutschen Werke zittern lassen und wir haben gezeigt, dass wir uns nicht unterkriegen lassen. Komme was wolle!

Wie geht es weiter?

Das Thema der BoP möchten wir nicht so im Raum stehen lassen und werden uns daher in den kommenden Wochen nochmal detaillierter dazu äussern. Dies nicht zum Zwecke sich zu beschweren, sondern weil wir konstruktive Vorschläge zur Diskussion stellen und zukünftige Verbesserungen vorantreiben möchten.

Wir werden in der laufenden Saison 2022 weitere 1-2 NLS-Rennen nutzen und mit unserem Partner Goodyear die Reifenentwicklung vorantreiben. Dies wird insbesondere in Bezug auf die Regularien ab 2023 notwendig. Das neue Reglement schreibt nicht nur eine deutliche Reduktion der erlaubten Reifensätze pro Rennen, sondern auch eine Reduktion der Anzahl Reifentypen pro Saison vor. Parallel dazu führen wir eine Auslegeordnung unserer Rennsportaktivitäten über die nächsten 3-4 Jahre durch. Das weitere Engagement im Rahmen der NLS und des 24H-Rennens mit 2 neuen 296 GT3 ist dabei eine von mehreren Optionen.

Behaltet uns daher gut im Auge. Wir freuen uns darauf, die nächste Herausforderung in Angriff zu nehmen. An dieser Stelle möchten wir uns ebenfalls bei unseren Freunden und treuen Fans bedanken, deren Unterstützung und Zuspruch uns auch dieses Jahr wieder tief berührt hat!

Quelle: Pressemitteilung octane126

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