Die Corona-Pandemie sorgte über drei Monate für Stillstand auf den Rennstrecken und wirbelte die Terminkalender aller Serien durcheinander. Nach Lockerungen der notwendigen Hygiene- und Abstandsregeln, jedoch ohne Zuschauer fanden die ersten Motorsport-Veranstaltungen statt. Unterschiedliche Konzepte ermöglichten, dass sich die Räder wieder über den Asphalt bewegen. So konnten inzwischen schon drei Rennen mit vier Stunden der Nürburgring Langstrecken-Serie stattfinden.

Im Vorfeld arbeitete der Veranstalter der Nürburgring Langstrecken-Serie, die VLN VV GmbH & Co. KG in Zusammenarbeit mit dem Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit des Universitätsklinikums Bonn ein Konzept aus, welches die Behörden abnickten um den Saisonstart zu ermöglichen.

Neben der erweiterten Boxengasse, welche durch das Fahrerlager führte, um den Teams ausreichen Platz zum Abstand halten zu bieten sowie einer streng limitierten und registrierten Anzahl von Personen auf dem Veranstaltungsgelände waren Masken obligatorisch. Bei der Neuordnung der Saisontermine wagte der Veranstalter auch einen neuen Schritt in der Geschichte der Langstreckenrennen am Nürburgring: Zwei Rennen mit je vier Stunden an einem Wochenende durchzuführen. Am Samstag den 11. Juli 2020 das 60. ADAC Reinoldus-Langstreckenrennen und am Sonntag dann den 52. ADAC Barbarossapreis. Nicht nur für die Teams war es eine Herausforderung.

Wir unterhielten uns mit dem Geschäftsführer der VLN VV GmbH & Co. KG, Christian Stephani über seine Eindrücke über das Doppel-Wochenende mit Corona-Kurve.

Herr Stephani, drei – teilweise vier Tage waren die Teams zu Gast am Fuße der Nürburg. Donnerstag oder Freitag Anreise und Testrunden, dann zwei 4h-Rennen aufeinander. Wie haben Sie das besondere Wochenende erlebt?

Christian Stephani
Foto: DNLS Livestream

Es war toll zu sehen, wieviel Teams sich auf den Weg zum Nürburgring gemacht hatten und für beide Rennen genannt hatten. Das war im Vorfeld ja alles andere als klar. Es gab viele Skeptiker, die der Meinung waren, das Konzept könnte nicht funktionieren, Teams würden keine zwei Rennen hintereinander fahren. Das Gegenteil war der Fall. Wir hatten mehr Teilnehmer als beim ersten Lauf. Das war ein wichtiger Erfolg, der uns sehr gefreut hat.

Ebenso war es super zu sehen, wie gut die Atmosphäre war. Das war beim ersten Rennen schon so. Doch dadurch, dass die Teams am Samstag nicht einpacken mussten, konnten alle noch gemütlich beisammen sein. Alle haben in ihren Parzellen noch einen schönen Abend verbracht, das war eine besondere Stimmung.

Um zumindest acht statt neun Läufe der Nürburgring Langstrecken-Serie durchzuführen gingen Sie den gewagten Schritt mit der Doppelveranstaltung. Was waren die organisatorischen Herausforderungen? Waren die Planungen schwerer als für zwei separate Rennen?

W&S Motorsport Porsche Cayman 718 GT4 NLS 2020
Foto: Lukas Flach

Tatsächlich mussten das Konzept und die Planungen vom ersten Rennen adaptiert werden. Personenlisten wurden für beide Rennen benötigt, da bei manchen Teams nicht die gleichen Leute Samstag und Sonntag dabei waren. Das brachte zusätzlichen Aufwand. Ansonsten hat es im Großen und Ganzen wieder sehr gut funktioniert. Eine weitere logistische Herausforderung war die Organisation im Fahrerlager. Da es ein paar Teams gab, die jeweils nur am Samstag oder Sonntag gefahren sind. Entsprechend musste für diese Teilnehmer die An- und Abreise berücksichtigt werden. Doch auch das ist uns hervorragend gelungen.

Zudem muss ich die Mannschaft von Michael Bork, dem Leiter des Bereich Sport der VLN, besonders lobend erwähnen. Für die Rennleitung ist es eine zusätzliche Belastung, statt einem 4-Stunden-Rennen gleich zwei nacheinander vorzubereiten und die benötigte Anzahl an Sportwarten zu organisieren. Den Dank an die Marschalls für ihren Einsatz möchte ich an dieser Stelle nochmals extra hervorheben!

Über das Hygienekonzept wurde uns seitens der Teamchefs und Piloten sehr viel Lob zugetragen. So mancher kann sich sogar daran gewöhnen, da das Open-Air-Paddock mit Betonwänden ein Flair aus Motorsport in den USA und dem Breitensportcharakter des Fahrerlagers eins Bergrennens verströmt. Wie lange wird diese Lösung noch von Nöten sein bis die gewohnten Boxen wieder bezogen werden können?

Durch die Aufbauten an der erweiterten Boxengasse hat das Fahrerlager in der Tat ein ganz besonderes Flair. Am Ende ist es aber die einzige Lösung damit wir unseren Sport überhaupt praktizieren können – zumindest in der Nürburgring Langstrecken-Serie. Die Anzahl der Teams können wir nicht mit entsprechender Trennung in den Boxen unterbringen. Entsprechend werden wir noch solange mit diesem Konzept leben müssen, bis es eine Lösung für dieses Corona-Virus gibt, zum Beispiel in Form eines Impfstoffs. Ich denke es wird uns doch noch eine Weile begleiten und kann mir gut vorstellen, dass wir die gesamte Saison in dieser Variante fahren werden. Doch das ist nur meine persönliche Einschätzung.

Wie waren gegenüber Ihnen die Rückmeldungen der SP9, SPPRO und SPX Teams die bei Lauf zwei und drei ja wieder in die „echten“ Boxen zurückkonnten?

Boxengasse NLS 2020
Foto: L. Rodrigues

Die Rückmeldungen der Teams waren durchweg positiv. Hätten wir das so nicht gemacht, wäre bei etwa 145 Nennungen Schluss gewesen. Somit hätten wir bei Lauf zwei ja bereits zehn Teams nachhause schicken müssen, was natürlich nicht im Interesse aller Beteiligten gewesen wäre. Die SP9-Teams haben es dankbar angenommen in der gewohnten Umgebung arbeiten zu können, anstatt draußen. Die anderen Teams haben insofern davon profitiert, dass dadurch deutlich mehr Platz frei geworden ist. Somit war es eine Win-win-Situation für beide Seiten.

Eine der sicherlich wichtigsten Fragen ist die nach den Zuschauern. Wie ist ihre Bilanz nach drei Rennen bei gutem Wetter in der Eifel? Gibt es eine Chance zumindest eine begrenzte Anzahl auf die Tribünen rund um die Grand-Prix-Strecke zuzulassen? Dort wäre eine genaue Kontrolle der Personenanzahl, Hygienemaßnahmen sowie ausreichende frische Luft möglich.

Einführungsrunde NLS 3 2020 1. Startgruppe
Foto: L. Rodrigues

Wir kämpfen natürlich gemeinsam mit dem Nürburgring bei der zuständigen Behörde dafür, dass wir am Nürburgring möglichst zeitnah wieder Zuschauer begrüßen dürfen. Das ist doch klar. Denn ohne Zuschauer macht das alles auf Dauer keinen Sinn. Wir wollen niemanden ausschließen. Fakt ist, dass es die ersten Rennen nicht gegeben hätte, wenn wir auf Zuschauer beharrt hätten. Die Frage, wann unsere Fans wieder dabei sein können, lässt sich leider zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten. Da haben wir momentan sehr wenig Einfluss darauf. Die Situation mit dem Corona-Virus muss da mitspielen. Wenn es in anderen Sportarten in dieser Hinsicht vorangeht, bin ich guter Dinge.

Ob nun noch immer mit „Corona-Kurve“ oder dann wieder näher zusammen, die Serie zieht sich bis zum 07. und 21. November hin. Das Wetter in der Grünen Hölle beziehungsweise Petrus muss dann aber sehr gnädig mit der NLS sein. Wagen Sie einen Blick in die Glaskugel? Mit welchen Wetterverhältnissen rechnen Sie für die Wochenenden?

(Lacht) Wir rechnen mit über 15°C und Sonnenschein! Aber Spaß beiseite. Uns ist durchaus bewusst, dass wir mit den beiden Terminen ein Risiko eingehen. Doch der Rennkalender hätte es nicht hergegeben, die Saison im Oktober zu beenden. Damit sind wir nun vorbereitet – wenn es die Wetterlage zulässt – zwei weitere Rennen zu bestreiten, damit wir auf acht von ursprünglich neun Läufe kommen. Es ist für viele Teams wichtig, dass möglichst viele Rennen stattfinden und keine abgespeckte Saison mit nur vier oder fünf Läufen. Somit halten wir an den November-Terminen fest und hoffen, dass Petrus mitspielt.

Herr Stephani, wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Ihnen und allen bei der Nürburgring Langstrecken-Serie, dass alle gesund durch die ganze Saison kommen.

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Dieser Beitrag wurde von verfasst.

Lutz Rodrigues Do Nascimento wurde in den 70er Jahren vom Motorsport-Virus infiziert, sein Onkel war im Porsche-Werk Weissach tätig und nahm ihn damals schon mit zu den Rennfahrzeugen. Seit 2011 ist er regelmäßig am Nürburgring bei der VLN mit der Kamera vor Ort und konnte sich somit ein Netzwerk an Bekanntschaften zu Teams, Fahrern und der Streckensicherung knüpfen. Seit März 2017 ist Lutz Teil der LSR-Freun.de und gilt als unser Draht zu den Teams und Fahrern. Mit Fotos und Stories aus den engsten Kreisen sorgt er immer wieder für staunende Gesichter.
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