Der Autohaus- und Werkstattbesitzer Andreas Winterwerber aus Frankfurt am Main fährt seit über einem Jahrzehnt in der Langstrecke auf dem Nürburgring, bevorzugt auf Autos der Marke Opel. Vergangene Saison steuerte er zusammen mit Dr. Volker Kühn aus Bonn einen Renault Clio RS in der NLS und die beiden wurden in der Zeit dicke Freunde. So lag es nahe gemeinsam ein Team für das große Jubiläumsrennen in der Eifel zu finden, welches ins Budget passt. Denn beide Herren fahren Rennen aus reiner Freude am Motorsport und ohne große Unterstützung von Sponsoren. Die Entscheidung war, da Winterwerber das Team von Tobias Jung schon lange kennt, nicht besonders schwer und die Wahl fiel auf den Opel Astra OPC #88 von Jung Motorsport.

Winterwerber sagte vor dem Rennen: „Volker und ich passen einfach super zusammen und verstehen uns prächtig. Nachdem wir beide keine NLS in diesem Jahr fahren, wollten wir gemeinsam beim 24h Rennen antreten. Für kurze Zeit war sogar ein Einsatz in einem GT3 angedacht, die Idee aber schnell wieder verworfen. Ich kenne die Truppe von Jung Motorsport seit vielen Jahren und wollte schon immer bei denen Einsteigen. 2022 zum 50. Jubiläum hat es dann geklappt!“

Foto: L. Rodrigues

Zum 50. ADAC TotalEnergies 24h Nürburgring reisten dann beide bereits zum Wochenbeginn in die Eifel und halfen dem Team bei den letzten Vorbereitungen, bevor es dann vom 26. bis 29. Mai ernst wurde. Das Cockpit des Astra mit der #88 teilten sich Dr. Kühn und Winterwerber mit Lars Füting (Wuppertal) und Tim Robertz (Bonn) die das Auto bereits beim ADAC 24h Qualifiers Anfang Mai bewegen konnten. Über 230.000 Zuschauer über die Tage bildeten die perfekte Kulisse für das Spektakel.

Foto: Rebekka Winter / Ring-Race-Shoot

Die drei Qualifikations-Sessions am Donnerstag und Freitag verliefen problemlos und das Pilotenquartett absolvierte die Pflichtrunden. Winterwerber war begeistert wie gutmütig der Opel abgestimmt war und sich entsprechend einfach steuern ließ. Jedoch zeigte sich auch schnell, dass die Konkurrenz in der Klasse VT2-FWD für frontangetriebene Produktionswagen mit 2-Liter Motor und Turboaufladung sehr stark besetzt war.

Foto: L. Rodrigues

Der große Tag war gekommen und um 14:40 Uhr ging es in die Startaufstellung mit tausenden von Besuchern, die die rund 130 Rennwagen bestaunten und mit den Piloten nochmals auf Tuchfühlung gehen konnten. Dr. Volker Kühn beschreibt seine Eindrücke so: „Der Weg in die Startaufstellung war schon sehr erhebend vor einer solchen Kulisse. Natürlich war ich auch stolz ein Teil des Teams zu sein in dem auch Volker Stryczek fährt, er ist eine bodenständige Nürburgring-Legende, zu der du aufsehen kannst, der aber jederzeit bereit ist dir mit wertvollen Tipps zu helfen. Dazu das dritte Auto des Teams, welches mit Prominenz des Stellantis-Konzerns besetzt war, das ist ebenso toll und zeigt, wie gut Jung Motorsport aufgestellt ist.“

Foto: Rebekka Winter / Ring-Race-Shoot

Den Start seines ersten 24h Rennen fuhr Winterwerber und nahm die Hatz zwei Mal rund um die Uhr vom Ende des Feldes auf, somit konnte er sich für die ersten Umläufe auf den Verkehr vor ihm konzentrieren. Dann folgte zur Hälfte des ersten Stints im Abschnitt Bergwerk der erste Schreckmoment: Ein Rad machte sich selbständig, nachdem alle fünf Stehbolzen gebrochen waren. Der Frankfurter hatte noch Glück im Unglück und der Astra OPC #88 konnte vom Schlepper aufgeladen werden, wurde an die Box gebracht und es folgte eine Zwangspause für die Reparatur.

Foto: M. Brückner

In den Abendstunden wurde das Auto dann wieder in die Grüne Hölle geschickt und vorerst sah es so aus, dass die anderen Fahrer wieder Boden gut machen konnten. Nach Mitternacht kletterte Winterwerber wieder ins Cockpit, um seinen nächsten Stint zu absolvieren. Im achten Umlauf durch die Dunkelheit folgte sein nächster Schreckmoment als auf der Hohen Acht die Antriebswelle ihren Dienst versagte, möglicherweise ein Folgeschaden nach dem Radverlust, und der Astra in die Tasche gezogen wurde.

Der Rödelheimer schildert was dann folgte: „Die Nacht in der Eifel, dort oben, war nicht kalt – es war saukalt. Zum Glück versorgte mich Abschnittsleiter Detlev Lamm mit einer warmen Jacke, Kaffee und einer Zigarette. Großen Dank an die Sportwarte dort! Ich war in meiner achten Runde und entsprechend nassgeschwitzt, das war schon extrem. Dann das Warten auf die Mechaniker, die sich natürlich gleich auf den Weg durch die Fancamps machten, um in der Dunkelheit dann die Antriebswelle inmitten der Zelte zu tauschen. Diese zwei Stunden fühlten sich an wie eine Ewigkeit, bis ich wieder einsteigen und zur Box fahren konnte, um dann eine Mütze Schlaf zu nehmen.“

Foto: M. Brückner

Dr. Kühn blieb vom Rennpech ebenfalls nicht verschont. Ein Reifenschaden am frühen Morgen sorgte für erneute Aufregung und kostete fast eine Stunde, bis das Rad im Abschnitt Wehrseifen ankam und getauscht werden konnte. Doch auch hier leisteten die Mechaniker hervorragende Dienste bedenkt man wie weit das abgestellte Auto vom Fahrerlager entfernt war und dort ebenfalls große Fancamps standen.

Unterdessen zeigte sich das Wetter in der Grünen Hölle am Sonntagvormittag launisch und wechselte von Sonne zu Regen und zwischendurch sogar Graupel. Das machte die Reifenwahl nicht sehr leicht, so wurden die Slicks zeitweise gegen Regenreifen oder geschlitzte Slicks gewechselt, später dann zurück auf die glatten Pneus. Winterwerber griff zur Mittagszeit für seinen letzten Stint nochmals ins Lenkrad. Trotz Müdigkeit und dem angeschlagenen Auto gelang ihm die mit Abstand schnellste Rennrunde aller vier Fahrer. Tim Robertz hatte dann die Ehre den Opel Astra OPC #88 für den Schlussstint zu übernehmen und durfte die Zielflagge nach 24 Stunden passieren.

Andreas Winterwerber sagte überglücklich nach dem Rennen: „Wir kamen, um Spaß zu haben und das ist durchweg gelungen. Mit allen Höhen und Tiefen bei meinem Debüt und trotz aller Widrigkeiten war es das mit Abstand schönste Langstreckenrennen meines Lebens. Die familiäre Atmosphäre im Team, der Zusammenhalt und die top Versorgung von Jung Motorsport habe ich so noch nie erlebt. Das Rennresultat interessiert mich überhaupt nicht, als Hobbysportler erlebte ich den olympischen Geist: Dabeisein ist alles! Herzlichen Dank an alle vom Team und natürlich an Volker mit dem ich jetzt einzigartige Erinnerungen teilen darf! Das war echter Breitensport und wir waren wie ein Stehaufmännchen immer wieder zurück, herrlich!“

Diesem Lob schloss sich Dr. Volker Kühn ebenfalls an und resümiert: „Das Team von Tobias Jung hat die 24h 2022 zum schönsten Rennevent meiner Pilotenkarriere gemacht. Es gab uns wirklich das Gefühl Teil einer großen Familie zu sein. Ganz besonders möchte ich die Leistung der Mechaniker wertschätzen, das war wirklich schon außergewöhnlich was da geleistet wurde, um den Astra immer wieder ins Rennen zu schicken. Die Platzierung ist mir völlig egal, es war einfach einmalig! Danke!“

Foto: L. Rodrigues

Jung Motorsport Teamchef Tobias, der selbst auch ins Lenkrad des Schwesterfahrzeugs griff über das Jubiläumsrennen: „Es war unser achtes 24h Rennen mit dem Team und das wohl emotionalste. Das erste Mal mit drei Fahrzeugen am Start und alle drei Fahrzeuge haben die Zielflagge gesehen. Es macht mich unheimlich stolz zu sehen, mit welcher Leidenschaft jeder einzelne im Team seine Aufgaben zu 100% erfüllt. Über 50 planmäßige Boxenstopps fehlerfrei zu absolvieren ist eine klasse Leistung. Dieses Jahr hat einfach alles gepasst, die Autos, die Fahrer, das Team und die Stimmung an der ganzen Strecke. Wir freuen uns schon auf 2023.“

Winterwerber und Dr. Kühn wollten 2022 eigentlich nicht in der Nürburgring Langstrecken-Serie fahren, schließen aber nach den Erlebnissen nicht aus nun doch nochmals hinters Steuer zu klettern, um durch die legendäre Grüne Hölle zu fahren, wenn es der Terminkalender zulässt.

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Dieser Beitrag wurde von verfasst.

Lutz Rodrigues Do Nascimento wurde in den 70er Jahren vom Motorsport-Virus infiziert, sein Onkel war im Porsche-Werk Weissach tätig und nahm ihn damals schon mit zu den Rennfahrzeugen. Seit 2011 ist er regelmäßig am Nürburgring bei der VLN mit der Kamera vor Ort und konnte sich somit ein Netzwerk an Bekanntschaften zu Teams, Fahrern und der Streckensicherung knüpfen. Seit März 2017 ist Lutz Teil der LSR-Freun.de und gilt als unser Draht zu den Teams und Fahrern. Mit Fotos und Stories aus den engsten Kreisen sorgt er immer wieder für staunende Gesichter.
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