Beschaulich liegt die hessische Kleinstadt Butzbach an der Grenze zwischen dem Hochtaunus und der Wetterau. Hier, etwa 40 Kilometer nördlich von Frankfurt am Main, hat Schnabl Engineering seit 1996 sein Hauptquartier. Schnabl Engineering ist das Renneinsatzteam hinter Falken Motorsport und betreut neben deren Einsätzen in der Nürburgring Langstrecken-Serie und beim ADAC TOTAL 24h Rennen Nürburgring auch den Porsche Super Cup.

Geschäftsführer – und an den Rennstrecken immer mit dabei – ist Sven Schnabl. Das Unternehmen hat er 1996 „aus dem Nichts selbst aufgebaut“. Der Diplom-Ingenieur ist mit seiner Firma natürlich auch direkt vom Lockdown zur Eindämmung der Ausbreitung des Corona-Virus betroffen. Die Tore der Rennstrecken weltweit sind geschlossen, es dreht sich kein Rad im Motorsport. Wir sprachen mit dem 50-jährigen über die betriebliche Lage, die Zusammenarbeit mit Falken-Tyres und wie seine Perspektive auf einen Start der Nürburgring Langstrecken-Serie 2020 und des 24h-Rennens ist.

Herr Schnabl, wir freuen uns heute hier vor Ort ihr Gast zu sein, trotz aller Einschränkungen. Wir sind natürlich neugierig und mit einigen Fragen hier. Können Sie uns zum Beginn etwas mehr über sich verraten?

Sven Schnabl Schnabl Engineering
Foto: L. Rodrigues

Mein Name, Sven Schnabl, ist bekannt. Ich werde dieses Jahr 51 Jahre alt. Die Firma Schnabl Engineering habe ich alleine und aus dem Nichts selbst aufgebaut, also nicht etwas Bestehendes übernommen. Dafür bedarf es einem gewissen Maß an Ehrgeiz und Zielstrebigkeit – dazu das nötige Glück, um dies hinzubekommen. Es gab immer bessere Zeiten und nicht so gute. Momentan ist es selbstredend sehr durchwachsen.

Dass ich ein recht strenger und harter Chef bin, mag sein. Das sehe ich selbst so. Vielleicht bedarf es auch einer bestimmten Härte, um erfolgreich zu sein. Denn sonst ständen wir heute nicht da wo wir sind. Du musst da auch immer den Mittelweg finden, um alles hinzubekommen – die Balance aus Geschäft und Menschlichkeit. Ich bin zum Glück in der Situation, dass meine sechs festen Mitarbeiter noch nicht in Kurzarbeit sind. Doch auch dies ist ein Thema. Noch gibt es ein finanzielles Polster, aber ewig hält das logischerweise auch nicht. Möglicherweise war meine Strenge und dass gespart wurde in der Vergangenheit vielleicht gut dafür, dass wir heute noch geöffnet haben. Aber die gesetzten Ziele dieses Jahr können wir natürlich vergessen.

Wie war die Reaktion von Ihnen auf den Lockdown? Falken Motorsport hatte ja kurzfristig die Teilnahme an den Probe- und Einstellfahrten am 14. März abgesagt.

Der traf uns eiskalt. Wir sind am Freitag den 13. März am Nürburgring angekommen, eben um an den Einstellfahrten die Autos erstmalig auf die Nordschleife zu schicken und waren bereits mitten in der Aufbauphase. Dann kam der Anruf von Falken: Abbauen! Ganz klar auch mit dem Hintergrund, dass sich das Corona-Virus ausbreitet und Falken als verantwortungsvoller Arbeitgeber sofort keine Mitarbeiter mehr im Außendienst hatte, beziehungsweise wer unterwegs war wurde zurückgepfiffen. Diese Verantwortung trägt Falken selbstverständlich auch für das Team – auch wenn sie nicht Schnabl Engineering sind – Falken steht über dem Ganzen. Es ging darum sofort alle zu schützen. Wie wäre das angekommen, wenn trotzdem die Rennautos fahren? Was wäre, wenn sich dann herausstellt, dass sich ein Teammitglied dadurch infizierte? Das erklärt sich von selbst und als Arbeitgeber konnte ich die Entscheidung nachvollziehen und unterstützen.

Zurück in Butzbach waren wir dann natürlich auch alle erstmal fertig. Uns war klar, dass es erstmal gar nichts zu tun gibt. Es gab da zuerst nur viele Fragezeichen. Diese Fragezeichen werden uns noch bei vielen Themen heute begegnen. Wenn eine solche Maßnahme für eine Veranstaltung gewesen wäre, oder zwei Wochen – kein Problem – das wäre die Revisions-Phase der Autos gewesen, die wir eh hier erledigen. Doch die Porsche waren ja nicht einmal bewegt worden.

Totaler Stillstand seitdem? Wie ist der Alltag?

Nahezu totaler Stillstand, ja. Abgesehen von sporadischen Kundenaufträgen für die Werkstatt haben wir hier kein typisches Tagesgeschäft. Auch unter dem Gesichtspunkt, dass eigentlich nach den Einstellfahrten sofort „Englische Wochen“ anstanden, war der Terminkalender voll. Wir hätten mit den NLS-Rennen, dem Qualifikationsrennen und allen Porsche Super-Cup Terminen wie Zandvoort oder Spielberg genau zwei freie Wochenenden bis zum 24h-Rennen gehabt. Alles plötzlich weg.

Falken Porsche 911 GT3 R #3 #4 Schnabl Engineering
Foto: L. Rodrigues

Zum Glück gibt es noch genug Beschäftigung – auch intern – so dass meine Männer hier bis letzte Woche auch noch „ordentlich“ Arbeit hatten. Zudem konnten auch Urlaubstage und Mehrstunden abgebaut werden. Nebenbei haben wir Kundenprojekte, die schon etwas länger bei uns stehen vorangebracht und ich hatte Zeit mich um einen BMW E30 M3 DTM zu kümmern. Der war ziemlich „verbaut“, beziehungsweise auf Gruppe 5 umgebaut worden. Hier noch Teile zu organisieren hat sich über Jahre hingezogen, da er in einem schlechten Zustand war. Er wurde tatsächlich fertig und es gab Platz in der Halle.

Unsere zweite Halle, in der die LKW parken, wurde frisch gestrichen und renoviert. Hier im Hauptbüro und der Halle wurde viel auf Vordermann gebracht, die Küche und der Personalraum sind nun auch neu gemacht. Das wäre im Rennbetrieb nie erledigt worden. Doch dadurch kommt ja kein Geld rein. Daher geht sowas über eine gewisse Zeit, aber so nach acht Wochen ist auch nichts mehr zu tun, doch bis Dezember hält das keiner durch.

Beim Empfang in ihrer Firma konnten wir uns an der Türe die Hände desinfizieren. Bereits da deuteten sie an, dass es zu den Ständern eine Geschichte gibt. Was steckt dahinter?

Spender Schnabl Engineering
Foto: L. Rodrigues

Ja, neben Küche streichen und Regale aufhängen haben wir ein paar davon gebaut. Es begann so, dass Falken mit dem Wunsch auf uns zu kam, ob wir Desinfektionsmittelständer bauen können. Dort sind zwar nahezu auch alle im Home-Office, aber sie benötigten für jedes Stockwerk ihrer Zentrale in Offenbach solche Ständer. Fünf an der Zahl.

Schon sehr interessant wie sich so viele Rennteams oder Hersteller in spartenfremden Sphären aktiv zeigen und wie Schnabl beispielsweise diese Ständer bauen.

Gut, wir machten das so nebenher. Das war jetzt nichts Großes. Da waren zwei Mann einen Tag damit beschäftigt. Was Mercedes, McLaren oder Lamborghini da machen ist ein komplett anderes Level. Die haben da allerdings auch die nötige Manpower. Für uns war dabei die allergrößte Herausforderung die Spender selbst zu bekommen. Die Ständer selbst sind aus Felgen, Radnaben und solchen Teilen geschweißt. Versuche mal heute 10 Pumpspender irgendwo zu bestellen. Und wenn du welche findest sind die Lieferzeiten mit Glück bei 8-10 Wochen. Ich habe dann für einen „unverschämten“ Preis welche gefunden, nach über einem halben Tag der Suche.

Ein Thema über das nicht gerne geredet wird ist das Geld. Neben den laufenden Personalkosten und der Miete spielt der Fuhrpark selbst eine große Rolle in der Buchhaltung eines Teams. Dürfen wir fragen wie es hier bei Schnabl Engineering steht?

Auch bei uns laufen die Kosten nahezu ungebremst weiter. Wenigstens kam uns die Versicherung für beide Renntransporter sehr mit der Höhe der monatlichen Zahlung entgegen, da die LKW mit Auflieger ja null Kilometer bewegt werden. Leasing- und Finanzierungkosten gehen weiter, da sprechen wir nicht über 300.- Euro. Da geht es um ordentliche Geldsummen. Selbst wenn du hier und da Raten stunden kannst, ist es ja auch nur aufgeschoben. Das summiert sich sehr schnell. Stunden lassen hilft kurzfristig, aber die Aufwendungen kommen dann doch irgendwann doppelt zurück. Den Schritt mussten wir glücklicherweise noch nicht gehen, ich kenne jedoch Teams, die diese Option schon ziehen mussten.

Erschwerend kommt dann noch hinzu, ein Renntransporter rechnet sich selbst im regulären Rennbetrieb kaum. Der fährt bei uns vielleicht 5.000 bis 7.000 Kilometer im Jahr. Das hat ein Spediteur in einer Arbeitswoche. Ein Renntrailer steht ja oft tagelang im Paddock und muss trotzdem für das ganze Jahr durch zugelassen sein. Im Winter geht es häufig in den Süden zum Testen, manchmal recht kurzfristig. Da kann ich keine Saisonkennzeichen nutzen oder mal schnell zur Zulassungsstelle rennen. Ich scherze schon immer: Die LKW freuen sich, wenn sie mal bis Portugal fahren dürfen, dann werden sie wenigstens auch artgerecht bewegt. Von hier aus zum Nürburgring sind es gerade mal 160 Kilometer.

Das bringt uns passend auch zur nächsten Frage. Wie realistisch sehen sie die Chancen auf den Start der Nürburgring Langstrecken-Serie am 27. Juni 2020?

Ich sehe die Chance. Es ist möglich und realisierbar, doch ich bin skeptisch. Wenn ich an die Situation in der Box denke – normal mit sechs Autos besetzt: Wie kann das gehen? Selbst wenn weniger Teams da sind, weil sie nicht einreisen dürfen, hockt man mit vier Autos noch immer sehr nahe zusammen. Da hast du 10 Leute pro Auto bei den Quadratmetern in der Box. Das geht nicht. Wir sehen wie die Auflagen für Kaufhäuser, Einzelhandel oder Friseure mit Abstands- und Hygienevorschriften. Und am Nürburgring sollten da andere Maßstäbe gelten? Im Fahrerlager tummeln sich tausende Menschen, selbst ohne Zuschauer und VIP-Gäste. Das glaube ich sicherlich nicht.

Mechaniker Schnabl Engineering
Foto: L. Rodrigues

Bei uns haben die Mechaniker schon immer den Helm auf mit Balaclava – daher wäre das mit dem Mundschutz kein Thema. Auch die Fahrer mit Vollvisierhelm sind im Prinzip vorbildlich geschützt. Somit werden wir sehen wie damit umgegangen wird und wie es weitergeht, damit sich schnell die Räder wieder drehen. Aber es wird schwierig.

Neben Mundschutz und Abstandsregeln, wie könnten die Rennen noch aussehen?

Sicherlich zuerst auch nur als „Geisterrennen“ ohne Publikum. Ähnlich wie im Fußball kann es vorläufig auch Motorsport nur ohne Zuschauer geben. Fraglich ist, wie dies am Nürburgring kontrollierbar sein wird. Bei der Bundesliga werden alle Daten erfasst, um Infektionsketten nachzuvollziehen. Das wird bei der Menge an Menschen bei der NLS schon sehr schwer. Doch jeden Versuch, dass gefahren wird finde ich gut und nötig. Allerdings steht hier auch wieder ein Fragezeichen, bis heute.

Sie sehen dies schon schwer durchführbar bei der Nürburgring Langstrecken-Serie. Für wie wahrscheinlich halten sie es dann, dass das ADAC TOTAL 24h-Rennen 2020 überhaupt veranstaltet wird?

Falken Porsche 911 GT3 R #4 Schnabl Engineering
Foto: L. Rodrigues

Hier wird der ADAC Nordrhein sicherlich die möglichen NLS-Veranstaltungen abwarten und sehen wie es dort letztendlich abläuft und eingehalten wird. Diese Rennen vorher sind auch für Permits und so weiter nötig. Es müssen Reifen freigefahren werden, die bei zwei Veranstaltungen vor dem 24h-Rennen im Einsatz waren. Alleine das kann schwierig werden.

Eine weitere Herausforderung wird es sein, die Zuschauer dann von der Eifel fernzuhalten. Das mag rund um ein Fußballstation noch machbar sein. Wie dies jedoch bei 20 Kilometern Nordschleife realisierbar und bezahlbar sein wird ist sicherlich fraglich. Nicht alle sind so vernünftig und schauen dann zuhause am TV oder Livestream den Höhepunkt eines jeden Rennjahres.

Es bleiben viele Fragezeichen für alle Beteiligten. Wir werden uns im zweiten Teil des Interviews weiter über die geplanten Einsätze von Schnabl Engineering und die Kooperation mit Falken-Tyres unterhalten. Sven Schnabl wird dann auch einen Teil des Fahrerkaders für die Porsche verraten. Bis hierhin schon ein großes Dankeschön für die offenen Worte.

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Lutz Rodrigues Do Nascimento wurde in den 70er Jahren vom Motorsport-Virus infiziert, sein Onkel war im Porsche-Werk Weissach tätig und nahm ihn damals schon mit zu den Rennfahrzeugen. Seit 2011 ist er regelmäßig am Nürburgring bei der VLN mit der Kamera vor Ort und konnte sich somit ein Netzwerk an Bekanntschaften zu Teams, Fahrern und der Streckensicherung knüpfen. Seit März 2017 ist Lutz Teil der LSR-Freun.de und gilt als unser Draht zu den Teams und Fahrern. Mit Fotos und Stories aus den engsten Kreisen sorgt er immer wieder für staunende Gesichter.
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