Mein lieber Herr Gesangsverein. Sollten Sie als geschätzter Leser so wie der Autor von Zeit zu Zeit unter Schwierigkeiten leiden, beschwingt in den Tag zu starten, so können die letzten 20 Minuten des 12-Stunden-Rennens in Bathurst nicht nur als Wachmacher, sondern eher als ein Katapult aus dem Bett bezeichnet werden. Man reibt sich die Augen, ohne direkt zu wissen, ob es sich um das letzte Bisschen Schlaf handelt, oder um das, was sich da gerade vor einem abspielt.

Die Fesselung an den Bildschirm beginnt mit dem auf sicheren Podiumskurs befindlichen Bentley, in dem gerade Maxime Soulet einen Mörder-Stint hingelegt, und in dem sich nun für die entscheidende Schlussetappe Andy Soucek hinters Volant geklemmt hat. Beim Ausfahren aus der Boxengasse konzentriert sich alles auf diesen einen Moment, in dem der Pit Limiter aufgehoben und die volle Leistung des britischen Biturbo-Bombers abgerufen wird. Und genau das passiert – nicht. Auf eine Weise, die nicht nur den Zuschauer fassungslos zurücklässt, gleichen sich die Bilder von vor ein paar Stunden nahezu bis aufs Pixel mit diesem Moment, als der Bentley noch vor dem Erreichen der Strecke stehenbleibt wie ein bockiges Pferd, das für sich beschließt: „I mog net mehr“. Auch, wenn es von außen wie ein Augenblick stiller Kontemplation erscheint, dürfte sich im Cockpit nichts anderes als eine Aneinanderreihung von Hasspredigten abspielen. Die Fernsehbilder aus der Box sprechen nicht nur Bände, sondern gehen durch Mark und Bein, wenn man Zeuge der Wirkung dieses Vorfalls auf den vorherigen Piloten des Fahrzeugs wird, der sich bis zu dieser Minute die Seele aus dem Leib gefahren hat. Bye-bye Podium!

Dann leistet sich Matt Campbell im frisch bereiften 911 GT3 #912 einen sprichwörtlich groben Schnitzer, als er den gleichnamigen BMW #42 im Abschnitt Chase mit einem halsbrecherischen Überholmanöver nicht unbedingt wohlwollend, dafür mit einem satten Wumms in die Seite, hinter sich lässt. Die Mundwinkel in der Schnitzer-Box wandern bedrohlich nach unten, und die Folgen dieses Ereignisses werden sich gewiss bis nach das Rennende ziehen …

Doch die Ereigniskette reißt nicht ab. Mit einem Motorschaden verabschiedet sich einer der KTM X-Bow GT4 auf der Conrod Straight, die ihre Chance gern wahrnimmt, wenn es darum geht, ein Motorleben auszuhauchen. Dies sorgt nicht unbedingt für Mitleid aus dem Boxengebäude, sondern vielmehr für ein euphorisches Treiben. Der Grund: Eine damit erneut ausstehende Safety-Car-Phase wird die Spitze des Feldes unweigerlich zusammenführen, und natürlich wittert der eine oder andere seine finale Chance, das Rennen noch zu seinen Gunsten zu drehen. Bis dahin führt übrigens der Aston Martin Vantage V12 GT3 von Jake Dennis, Mathieu Vaxiviere und Marvin Kirchhöfer mit der Startnummer 62 das Feld an – und dies nicht ganz ohne ein komfortables Polster zu den Verfolgern.

Nach endlos scheinenden Minuten erlöschen endlich die Lichter des zivilen Führungsfahrzeugs und das bis eben noch hin und her zwirbelnde Fahrzeugfeld begradigt wie vom Reglement erfordert seine Fahrspur. Einer allerdings tanzt buchstäblich aus der Reihe: Alexandre Imperatori im Nissan GT-R #18 kann das Wedeln nicht lassen und zieht damit den Groll der Stewards auf sich. Endlich erfolgt der letzte Restart des Rennens, und insbesondere Signore Imperatori scheint weiterhin unter Strom zu stehen: In Griffin’s Bend gelingt es ihm nur mit Mühe, sein Temperament in Zaum und seinen GT-R von der Planke fern zu halten. Im staubigen Dunst schlüpft Andy Soucek in seinem royalen Racer vorbei und kann zumindest einen der zuvor in der Boxenausfahrt verlorenen Plätze zurückgewinnen.

In den Top 3 wird es jetzt richtig spannend, denn im Rückspiegel von Raffaele Marcielo auf AMG wird der Porsche 911 mit der Nummer 912 und Matt Campbell am Steuer immer formatfüllender. Mit einem blitzartigen Ausscher-Manöver zieht dieser schließlich staubtrocken vorbei und macht kurzen Prozess. Der Fall ist klar: Wir werden soeben eindrucksvoll Zeuge eines Australiers, der nichts anderes will als den Sieg.

Dies dürfte auch Dennis im führenden Aston Martin inzwischen realisiert haben, der sich bereits wenige Augenblicke später mit Händen und Füßen dagegen zu wehren versucht, vom Kiwi-Team um Earl Bamber überrumpelt zu werden. Ohne langfristigen Erfolg: Der Vorfall mit dem Schnitzer BMW ist noch sehr frisch in Erinnerung, doch diesmal dürfen wir ein weitaus faireres, aber nicht weniger gnadenloses Überholmanöver erleben. In Forrest’s Elbow wird das Zuffenhausener Dickschiff millimetergenau zwischen der Mauer zur Linken und dem Aston Martin zur Rechten vorbeimanövriert. Mit der Brechstange, aber augenscheinlich ohne Berührung. Den Respekt der Zuschauer hat Campbell damit sicher in großen Teilen zurückerobert. Die Führung will allerdings noch behauptet werden, denn der Düpierte gibt sich zumindest nicht kampflos geschlagen. Wenige Sekunden später liegt der Porsche dann aber doch in uneinholbarer Ferne und der Sieger scheint festzustehen – allerdings auch noch immer noch unter Vorbehalt.

Auf den Rängen geht es nicht minder spannend zu: Van Gisbergen und Marciello, beide auf AMG GT, kämpfen mit dem Messer zwischen den Zähnen um Rang drei. Letzterer kann das Podium allerdings bis ins Ziel verteidigen, woraufhin nach Zieleinlaufe ein bitter enttäuschter Shane van Gisbergen neben seinem Boliden zu Boden sinkt. Erneut lassen sich die Emotionen nicht in Worte fassen.

Und das waren nur die letzten 20 Minuten eines 12-Stunden-Rennens, das spektakulärer hätte nicht enden können. Natürlich gab es ganz nebenbei auch einen neuen Distanzrekord (mit 312 Runden 15 Runden mehr als im Vorjahr). Mount Panorama, du hast uns ein weiteres Mal nicht enttäuscht. Wir sehen uns im nächsten Jahr!

Stimmen der Sieger

Fritz Enzinger (Leiter Porsche Motorsport): „Was für ein toller Tag für den Porsche Motorsport. Gratulation an alle Fahrer und vor allem an Teamchef Earl Bamber, der mich seit Jahren durch seinen Willen und seine Akribie begeistert. Earl ist nicht nur ein Weltklasse-Rennfahrer, sondern auch ein Top-Teamchef. Das steht seit dem heutigen Tag fest. Es ist perfekt, dass uns die noch junge EBM-Mannschaft den ersten Sieg in Bathurst ausgerechnet beim letzten Einsatz des über drei Jahre so erfolgreichen Porsche 911 GT3 R beschert hat. Nun freuen wir uns schon auf das zweite Saisonrennen in Laguna Seca. Dort wollen wir mit dem neuen Auto den nächsten Erfolg einfahren.“

Pascal Zurlinden (Leiter GT-Werksmotorsport): „Wir hatten noch eine offene Rechnung mit Bathurst, die jetzt beglichen ist. Beim letzten großen Rennen unseres bewährten Porsche 911 GT3 R einen Sieg einzufahren – das hätte man sich nicht schöner erträumen können. Ein großes Lob an unsere Fahrer, die sich durch die enorme Hitze gekämpft haben. Wir dürfen das Kundenteam Earl Bamber Motorsport nicht vergessen. EBM bestreitet sein erstes Rennen auf diesem Level, nimmt es mit namhaften und erfahrenen Mannschaften auf und gewinnt auf Anhieb. Das könnte der Anfang einer großen Geschichte sein. Wir freuen uns schon auf weitere gemeinsamen Einsätze. Jetzt schauen wir nach vorne und bereiten uns auf die nächsten zwei großen Events für Porsche Motorsport vor: den Doppelevent in Sebring mit WEC und IMSA und die nächste Runde der IGTC in Laguna Seca.“

Sebastian Golz (Projektleiter 911 GT3 R): „Dieses Finale war atemberaubend. Wir hatten unsere gesamte Rennstrategie auf diesen letzten Stint ausgelegt. Das Team hat es perfekt vorbereitet, die Fahrer alles optimal umgesetzt. Am Ende gab es frische Reifen, eine Tankfüllung und Matt Campbell im Auto – volle Attacke bis ins Ziel. Dieser Sieg im letzten großen Rennen für den so erfolgreichen Porsche 911 GT3 R ist ein gerechter Lohn. Solch ein Abschied vor der Fahrt ins Museum rundet die Erfolgsgeschichte perfekt ab. Sensationell war auch die Arbeit des Teams EBM. Die Mannschaft wurde kurzfristig mit unermüdlichem Einsatz und viel Akribie aufgebaut. Dass auf Anhieb ein Sieg gelingt, ist bärenstark und eine Konsequenz der professionellen Arbeit.“

Earl Bamber (Teamchef EBM): „Erst Anfang Dezember haben wir mit dem Aufbau des Teams begonnen. Seitdem ist extrem viel Arbeit in dieses Projekt investiert worden – nicht nur von mir, sondern auch von meinem Bruder Will und vielen weiteren Unterstützern. Unser Ziel war es, dass wir den Fahrern zwei gleichwertige Autos auf allerhöchstem Niveau bieten können. Das ist uns gelungen. Die Nummer 911 lag lange Zeit in Führung, fiel dann aber aus. Wir hatten aber ein zweites Eisen im Feuer. Die Nummer 912 war zur Stelle. Was Matt im letzten Stint gezeigt hat, war großes Kino. Dass wir das Auto mit einem Sieg ins Museum schicken, macht es nur noch emotionaler. Ich bin rundherum begeistert.“

Matt Campbell (Porsche 911 GT3 R #912): „Ich wusste im Finale ganz genau, wo unser Auto seine Stärken hat – und diese habe ich dann konsequent ausgenutzt. Ich habe mir die Gegner zurechtgelegt, bin entschlossen in die Überholmanöver gegangen und habe niemals zurückgezogen. Das war ein wichtiger Schlüssel zu einem Sieg, der mich einfach überglücklich macht. Bathurst ist ein legendäres Rennen, zudem mein Heimspiel. Es war das erste GT3-Rennen für Earl Bambers Team. Auf Anhieb und in dieser Manier zu siegen, ist bärenstark.“

Dirk Werner (Porsche 911 GT3 R #912): „Dieser Sieg ist großartig. Auf einen solchen Erfolg in einem großen Rennen habe ich lange gewartet. Es gibt so viele besondere Geschichten aus diesem Rennen. Es war das allererste GT3-Rennen für das Team von Earl Bamber, es war der letzte Einsatz des Porsche 911 GT3 R und nicht zuletzt muss man die Leistung von Matt Campbell hervorheben, der am Ende ein regelrechtes Feuerwerk abgebrannt hat. Es war eine unglaubliche Leistung von allen Beteiligten. Ich freue mich riesig.“

Dennis Olsen (Porsche 911 GT3 R #912): „Unfassbar! Dieses eine Wort bringt eigentlich alles auf den Punkt. Wir alle zusammen haben konsequent auf diesen Sieg hingearbeitet. Am Ende kam es aber ganz auf die Leistung von Matt im letzten Stint an. Wie er sich an die Spitze gekämpft hat, war einfach nur beeindruckend. Ich kann meine Emotionen noch gar nicht richtig in Worte fassen. Es muss alles erst einmal etwas sacken.“

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