Es rappelt im Karton. Unbemerkt von der Öffentlichkeit kriselte es in Führungsspitze des Organisations- und Eigentümerteams. Bis die Situation im November eskalierte und ein Partner die ganze Veranstaltung an sich reißen wollte.

Vor nunmehr 47 Jahren trafen sich gleichgesinnte Oldtimerfreunde auf dem Nürburgring, um erstmalig ein Rennen mit historischen Fahrzeugen durchzuführen. Das damals noch kleine Event fand eine solche positive Resonanz, dass es fortan jährlich ausgetragen wurde. Und es erhielt den Namen, der noch heute für das Treffen von rennbegeisterten Fahrern und Zuschauern steht: Oldtimer Grand Prix.

Natürlich steht hinter einer solchen Veranstaltung auch ein Organisationsteam, das mit wachsender Teilnehmerzahl auch große wirtschaftliche Verantwortung trägt. Die Gründer, Hubertus Graf Dönhoff, der Hesse Motor Sports Club (HMSC), der Club Historischer Renn- und Sportwagen Nürburgring (CHRSN) sowie der Automobilclub von Deutschland (AvD) sind auch noch heute zu gleichen Teilen Inhaber und Organisatoren des AvD OGP.

Die Neuordnung der internen Struktur

Sicher auch, um dem großen wirtschaftlichen Risiko gegenüber den Vereinen Rechnung zu tragen und die Beteiligungen auf ordentliche rechtliche Grundlage zu stellen, wurde im Jahre 2012 die „AvD-Oldtimer-Grand-Prix GmbH und Co OHG“ gegründet, deren Gesellschafter nun die AvD Beteiligungs GmbH, die HMSC-Wirtschafts GmbH, die CHRSN-Sport GmbH und die Histomobil GmbH (Graf von Dönhoff) sind. Bis Herbst 2020 war im Außenverhältnis die geschäftsführende Gesellschafterin die AvD Beteiligungs GmbH mit ihren Geschäftsführern Lutz Leif Linden und Dr. Andreas M. Nowack, die in Personalunion auch Generalsekretäre des AvD e.V. und Geschäftsführer der AvD Wirtschaftsdienst GmbH sind.

AvD Oldtimer-Grand-Prix
Foto: AvD / Suer

Der AvD Oldtimer Grand Prix ist in den Jahren zu einer der größten Veranstaltungen im historischen Rennsport gewachsen und vereint an einem August-Wochenende viele Läufe nationaler und internationaler Meisterschaften. Auch selbst organisierte Rennen, wie der Historic Marathon, der freitags mit über 100 Teilnehmern über die Nordschleife führte, erlangte einen fast legendären Status bei Fahrern und Zuschauern.

Es ist eine nicht zu unterschätzende Leistung, die vielen unterschiedlichen Aufgaben einer solchen Großveranstaltung zu stemmen. Neben den Verhandlungen und Verträgen mit den teilnehmenden Rennserien, müssen Sponsoren akquiriert, die Miete mit dem Nürburgring verhandelt und durch umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit auch Zuschauer in die Eifel gelockt werden. Die gesamte Organisation vor Ort am Ring vor und während der Veranstaltung, von der Planung und Umsetzung des Fahrerlagers, der Papierabnahme der Teilnehmer sowie die Durchführung der Rennen bedürfen ebenfalls Erfahrung und Organisationstalent. Aktuelle Umweltauflagen, steigende Kosten und natürlich die Corona-Krise vereinfachen diese Aufgabe sicher nicht.

Der AvD Oldtimer Grand Prix 2020

Unklare politische Verfahren im Umgang mit Großveranstaltungen während der Corona-Krise und ständige neue Verordnungen verhinderten für die Gesellschafter eine klare Betrachtungsweise im Umgang mit der 2020er Ausgabe des OGP. Der AvD wollte diese unbedingt durchführen und versuchte die anderen skeptischen Gesellschafter davon zu überzeugen. Nur der HMSC aus Wiesbaden stellte sich gegen eine Durchführung und wies immer wieder auf das hohe Risiko hin. Er konnte sich hohe Verluste nicht leisten und war sich der Konsequenzen bewusst. Laut Gesellschaftervertrag müssen diese zu gleichen Teilen von allen Gesellschaftern ausgleichen werden müssen. Bei einer Sitzung Anfang Juni stimmen drei von vier Gesellschaftern der Durchführung der Veranstaltung zu und es wurde ein Budget erstellt.

AvD-Oldtimer-Grand-Prix 2020, Nürburgring; AvD-Tourenwagen- und GT Trophäe - Muecke Motorsport
Foto: AvD / Gruppe C Photography

Die Veranstaltung an dem August-Wochenende war aufgrund der Corona-Krise auch eine Light-Version der vorherigen Jahre. Die strengen Hygienemaßnahmen wurden vorbildlich umgesetzt. Fahrer und Teams waren jedoch ohne Zuschauer im Fahrerlager unter sich, außer für wenige Renndiensten konnte kein Platz für Handel oder Dienstleister vermietet werden. Für jeden der Veranstaltungstage wurden erst kurz vor Veranstaltungsbeginn, entgegen der Planung, nur 5.000 Zuschauer zugelassen und diesen wurde ein fester Platz auf den Tribünen zugewiesen. Viele der sonst üblichen Einnahmequellen fielen im Jahr 2020 weg. Das konzipierte und vorbildlich umgesetzte Hygienekonzept, das auch als Blaupause für weiter Rennveranstaltungen in Deutschland diente, änderte aber nichts an einem katastrophalen wirtschaftlichen Ergebnis.

Gefahr der Insolvenz

AvD-Oldtimer-Grand-Prix 2020, Nürburgring; Formel 1-Legenden 70er-90er Jahre -
Foto: AvD / Gruppe C Photography

Doch nachträglich sollte sich auch herausstellen, dass die tatsächlichen Kosten weit höher waren, als anfänglich budgetiert und auch die Einnahmen geringer. So wurden z. B. für den Ferrari-Schaulauf mit wenigen Fahrzeugen, aber mit den Rennikonen Jacky Ickx und René Arnoux um die 30.000 € veranschlagt, aus denen dann schließlich knapp 80.000 € wurden. Es liefen schlussendlich Verluste in Höhe von weit mehr als 400.000 € auf. Laut Informationen aus dem Veranstalterkreis forderten die Gesellschafter vom AvD Aufklärung und Offenlegung. Das Verhältnis wurde schwieriger.

AvD-Oldtimer-Grand-Prix 2020, Nürburgring; Formel 1-Legenden 70er-90er Jahre -
Foto: AvD / Gruppe C Photography

Die vier Parteien versuchten in der Folge ein Sanierungskonzept zu erstellen, um eine drohende Zahlungsunfähigkeit und Insolvenz abzuwenden. Nach Vorwürfen an den AvD über intransparentes Handeln und Missmanagement bei der Planung und Umsetzung wurde bei einer außerordentlichen Gesellschafterversammlung Anfang Oktober mit dreiviertel Mehrheit entschieden, dass nun alle Gesellschafter vertretungsberechtigt sind. In Folge legte die AvD Beteiligungs GmbH bei gleicher Sitzung ihre Geschäftsführung nieder.

Mitte November 2020 trafen sich die Gesellschafter zu einer bis dato letzten gemeinsamen Sitzung in der Nähe des Frankfurter Flughafens, die aber in deren Verlauf eskalierte. Laut uns vorliegenden Informationen verweigerte sich der AvD einer Sanierung und strebte eine Insolvenz der AvD-Oldtimer-Grand-Prix GmbH und Co OHG an. Das Treffen wurde abgebrochen und die Vertreter der drei Gesellschafter HMSC-Wirtschafts GmbH, CHRSN-Sport GmbH und Histomobil GmbH kamen zu einer Krisensitzung zusammen, um die weitere Vorgehensweise abzustimmen.

Falsches Spiel im Orgateam?

Das Ziel der drei Gesellschafter war nach wie vor die Gesellschaft zu retten und Schaden von der Veranstaltung fernzuhalten. Ende November flatterte dann überraschenderweise bei diesen drei Gesellschaftern ein Angebot des vierten Gesellschafters ein: Man würde eine Insolvenz abwenden, die Schulden bezahlen und den OGP retten, wenn alle übrigen Gesellschafter ihre Anteile umgehend kostenfrei an die AvD Beteiligungs GmbH übertragen. Das schon von der Histomobil und der CHRSN-Sport für die Begleichung der aufgelaufenen Schulden eingezahlte Geld in sechsstelliger Höhe wäre damit verloren und die AvD Beteiligungs GmbH und damit der AvD alleiniger Eigentümer des OGP.

Für eine Rettung ohne Übertragung der Gesellschafteranteile an den AvD begann nun die Suche nach Geldgebern, Investoren oder Kreditgebern. Viele Gespräche wurden geführt, jedoch scheiterten alle an fehlenden Sicherheiten, formaljuristischen Dingen oder möglichen verbindlichen Aussagen einer Rückzahlung. Da die aufgelaufenen Schulden die Möglichkeiten des HMSC überstiegen, war dieser auch bereit, seine Gesellschaftsanteile komplett zu verkaufen, um die GmbH und damit die Veranstaltung zu retten. Doch diese Möglichkeit schied aus, da bei einem Verkauf alle anderen Gesellschafter ein Vorkaufsrecht haben und ein Verkauf einstimmig beschlossen werden muss.

Rettung im letzten Moment

Mit einem Schreiben vom 12. Dezember erhöhte der AvD den Druck, drängte auf Entscheidung und verwies auf geltendes Insolvenzrecht. Zur gleichen Zeit wurden von einem Gesellschafter Gespräche mit einer kleinen Firma im hessischen Stadtallendorf geführt, dessen Inhaber selber ambitionierter Rennfahrer ist und bereit war, die Veranstaltung zu retten und sich finanziell zu beteiligen. Da ein Verkauf der Anteile der HMSC-Wirtschafts-GmbH nicht möglich war, fand man dennoch einen Weg, der sicher so im Gesellschaftervertrag der vier OGP-Partner nicht vorgesehen ist. Die Anteile verbleiben bei der HMSC-Wirtschafts-GmbH, aber diese wird verkauft. Am 14. Dezember wechselte so das Eigentum an der HMSC-Wirtschafts-GmbH von Wiesbaden nach Stadtallendorf und frisches Geld zur Abwendung der Insolvenz war vorhanden.

AvD OGP
Foto: A.v.D / Gruppe C Photography

Nach 47 Jahren hat sich mit der Rettung des Oldtimer-Grand-Prix der kleine HMSC, in der Szene auch bekannt als Ausrichter der exklusiven Oldtimer Rallye Wiesbaden, als mitverantwortlicher Organisator verabschiedet. Mit Wirkung zum Ende des Jahres 2020 kündigte der HMSC auch die Mitgliedschaft beim AvD als Kooperativclub.

Neues Gesicht, neue Aufgabenverteilung

Mit der Firma des Amateurrennfahrers Gerhard Füller aus Stadtallendorf, die mit einer sechsstelligen Einlage in die AvD-Oldtimer-Grand-Prix GmbH und Co OHG die Insolvenz und auch die Übertragung aller Anteile der Gesellschaft an den AvD verhindern konnte, taucht nun ein neues Gesicht im Organisationsteam dieser Traditionsveranstaltung auf.

Die Fronten in der Organisationsgesellschaft des OGP scheinen geklärt zu sein. Zurzeit sieht es danach aus, dass der AvD die Leitung der Organisation dieser Großveranstaltung nicht mehr übernehmen wird. Diese Aufgabe wird nun auf die drei anderen Gesellschafter verteilt werden müssen.

Auf Nachfrage teilte die AvD Pressestelle mit, dass der Club seit 20 Jahren die operative Organisation für den OGP ausrichte und alle Entscheidungen bei den Sitzungen mit allen Gesellschaftern verabschiedet wurden. Weitere Fragen mussten wir schriftlich einreichen. Eine Beantwortung erfolgte bis Redaktionsschluss nicht. Der CHRSN und HMSC waren zu einer Stellungnahme nicht bereit. Die Histomobil GmbH konnten wir für eine Stellungnahme nicht erreichen.

Die Zukunft des Oldtimer Grand Prix scheint nicht nur wirtschaftlich gesichert. Auch, wenn die Durchführung einer Großveranstaltung im Jahr 2021 durch die Pandemie wieder eine Herausforderung werden wird, kann man sich durch die kompetente und erfahrene Organisationsmannschaft wieder auf ein interessantes und sportlich spannendes Event freuen. Der AvD hat auf seiner OGP-Internetseite den Termin vom 13. bis 15. August 2021 schon angekündigt. Ein gutes Zeichen für Zuschauer, Teilnehmer, Sponsoren und Partner.

Nachtrag:

Der Hinweis der AvD Pressestelle auf Richtigstellung erreichte uns. Die Richtigstellung hierzu können Sie hier lesen.

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