In der Kritik um die Reduzierung der Leistung der GT3-Fahrzeuge steht derzeit vor allem der DMSB. Wir haben die wichtigsten Fragen gesammelt und dem DMSB gestellt.

Michael Kramp, Presseverantwortlicher des Deutschen Motor Sport Bund e.V. stand uns für die Beantwortung der Fragen zur Verfügung.

Gibt es eine Vorgabe seitens der FIA, die eine Einbremsung der GT3-Fahrzeuge, bzw. ein Handeln des DMSB mit Bezug zur Nordschleife erzwingt?
Die FIA hat dem DMSB am 26. Februar mitgeteilt, dass Sie zur Reduzierung der Geschwindigkeiten auf der Nordschleife eine Reduzierung der Motorleistung von GT3-Fahrzeugen im Rahmen der BoP als Ergänzung zu weiteren, bereits vom DMSB vorgeschlagenen Maßnahmen empfiehlt. Die Frist zur Umsetzung dieser Empfehlung war der 4. März, der Tag der routinemäßigen Streckenabnahme der Nürburgring-Nordschleife.

Für wen gilt die Balance of Performance im Detail? Welche Fahrzeuge sind davon betroffen?
Die BoP gilt für die Klassen SP9, SP9-LG SP-X und SP-Pro. Die GT4-Klasse fährt nach SRO-BoP und ist nicht betroffen, ebenso wenig die anderen kleineren Klassen.

Ist die Anpassung eine festgeschriebene Entscheidung oder nur eine Empfehlung des DMSB/der FIA? Dem DMSB-Rundstrecken-Reglement (zzgl. Anhang 2) vom 04.12.2018 ist ein solcher Passus nicht zu entnehmen.
Mit dem DMSB-Rundstreckenreglement hat diese Entscheidung nichts zu tun. Es geht darum, welche Rennklassen für die Nordschleife im Rahmen der FIA-Streckenlizenz zugelassen werden bzw. welche Bedingungen dafür erfüllt sein müssen.

Warum wurde die angebliche Entscheidung des DMSB mit plausiblen und nachvollziehbaren Begründungen nicht offensiv kommuniziert?
Die Vorgaben der FIA wurden vom DMSB am Tag nach dem Erhalt des Schreibens der FIA an die beteiligten Automobilhersteller und an die Veranstalter von 24h-Rennen und VLN kommuniziert. Die tatsächlich Betroffenen sind also schnellstmöglich informiert worden und haben im Übrigen bereits seit Januar mündlich Kenntnis von möglichen Vorgaben durch die FIA. Die Teams erhalten die BoP-Einstufung für ihr Fahrzeug – das wird in der aktuellen Diskussion möglicherweise vergessen – immer erst wenige Tage vor der jeweiligen Veranstaltung.

Warum eine Leistungsreduzierung um fünf Prozent (und nicht vier, oder sieben o.ä.)
Diese Frage müssen Sie bitte an die FIA richten. Die FIA hat unseres Wissens die Vorgabe aufgrund von Simulationen und Auswertungen von Nordschleifen-Daten ermittelt.

Welcher kritische Punkt in den Rundenzeiten liegt der angeblichen DMSB Entscheidung zugrunde? Gibt es eine „Ziel-Zeit“ oder wurden die fünf Prozent willkürlich gewählt?
Es geht nicht um einzelne Daten wie Rundenzeiten, Top-Speed oder Kurvengeschwindigkeiten, die irgendeine Grenze definieren. Natürlich kann niemand verlässlich bestimmen, dass es bei 8:00 Min. keine Unfälle gibt und bei 7:59 Min. die Strecken nicht mehr genutzt werden kann. Daraus kann man aber nicht ableiten, dass man einfach zusieht, wie die Fahrzeuge von Jahr zu Jahr schneller werden. Dafür ist die Rundenzeit tatsächlich zumindest ein erster Indikator.
Am Ende geht es in der Sicherheitsdiskussion immer darum, Unfälle zu verhindern bzw. ihre Folgen abzumildern: Also muss man von Kurve zu Kurve denken, Geschwindigkeiten erfassen, mögliche Einschlagwinkel berechnen, das Gewicht der Fahrzeuge bedenken usw. Dabei fließen über den Datenpool der FIA weltweit Erfahrungen von anderen schweren Unfällen mit ein. Nach jedem schweren Unfall auf einer Rennstrecke werden Reports an die FIA geschrieben, die daraus wiederum Konsequenzen ableitet.
Lassen Sie uns doch als Gedankenexperiment die Fragestellung mal umdrehen: Ab welcher Rundenzeit sind die Fans glücklich und ab welcher Rundenzeit drehen alle der Nordschleife den Rücken zu? Genauso unsinnig wie diese Fragestellung ist die Diskussion um bestimmte Rundenzeiten, die sicher oder unsicher sind. Das Thema ist viel differenzierter.

Wurden andere Möglichkeiten der „Einbremsung“ (Reifen, Aero) in die Überlegungen einbezogen und gegen die aktuellen Maßnahmen gerechnet?
Wie Sie wissen, wird es in puncto Reifen 2019 zusätzliche Einschränkungen geben. Die Zahl der Spezifikationen, die bei einer Veranstaltung verwendet werden dürfen, wurde auf drei reduziert (bei sechs Spezifikationen, die für die Saison eingesetzt werden dürfen). Das sorgt dafür, dass es immer weniger Spezialreifen für bestimmte Witterungsverhältnisse und Temperaturen gibt, was die Geschwindigkeiten indirekt reduziert. Ein Eingriff in die Aerodynamik ist für die Zukunft keinesfalls auszuschließen, würde aber – im Gegensatz zur Reduzierung der Motorleistung – viel mehr Aufwand für die Hersteller und Teams bedeuten, weil sich das Fahrverhalten zum Beispiel durch einen schmaleren Heckflügel viel drastischer verändert.

Warum wurde nicht die gesamte Klassenstruktur bei der Entscheidung berücksichtigt?
Für die Fahrzeuge der Klassen außerhalb von SP9, SP9-LG SP-X und SP-Pro (und SRO-GT4) liegen derzeit nur wenige Daten vor, weil es bislang nicht notwendig war, diese zu erheben. Wenn man eine seriöse BoP auch für andere Klassen erstellen will, müsste man zunächst eine ganze Reihe von Daten verfügbar machen. Zugleich müssten übrigens die kleineren Fahrzeuge die technischen Voraussetzungen für technische Eingriffe haben – so etwa Luftmengenbegrenzer. Damit würde auf die kleineren Teams zusätzlicher Aufwand zukommen. Wer also fordert, dass alle Fahrzeuge gleichermaßen eingebremst werden müssen, macht dies auf Kosten der Breitensportler.

Wurden Risiken ausreichend gewürdigt, die sich aus der Entscheidung des DMSB ergeben?
Natürlich behalten die Verantwortlichen auch das Verhältnis zu den kleineren Klassen im Blick. Ein erhöhtes Sicherheitsrisiko, das entsteht, weil die Top-Fahrzeuge ein wenig eingebremtst werden, können wir jedoch nicht erkennen.

Was will der DMSB erreichen? Und wie will er das erreichen?
Der DMSB (und übrigens auch die FIA) greifen nur dort in sportliche Wettbewerbe auf der Nordschleife ein, wo es um das Thema Sicherheit geht. Dabei geht es nicht nur um die unmittelbare Sicherheit von Fahrern, Teammitgliedern, Sportwarten und Zuschauern, sondern auch darum, die Nordschleife als motorsportliches Kulturgut zu erhalten. Das ist uns übrigens – bei allem Unbehagen zum Thema Tempolimit auf der Nordschleife – 2015 nach dem schweren Unfall gelungen. Und auch in diesem Jahr sieht es so aus, als würden wir durch die Umsetzung der geplanten Maßnahmen die Streckenlizenz der FIA für die nächsten drei Jahre erhalten.
Wenn wir die Rennstrecke so weit möglich in ihrer ursprünglichen Form erhalten wollen – und das scheint uns doch Konsens aller Beteiligten zu sein – dann müssen wir immer wieder von Saison zu Saison die Entwicklung der Fahrzeuge im Blick haben und gegebenenfalls eingreifen. Dabei kann es naturgemäß keinen Schlusspunkt geben. Denn die Entwicklung der Fahrzeuge ist ein andauernder Prozess, und so muss auch die Sicherheit sich permanent weiterentwickeln.

Sollen durch die Anpassung möglicherweise zukünftig langsamere Klassen auch gesamtsiegfähig werden?
Es geht bei den Entscheidungen der FIA, die vom DMSB umgesetzt werden, sicher nicht um Eingriffe in den sportlichen Wettbewerb, sondern ausschließlich um Sicherheit.

Gibt es einen Plan B, sollte die Nordschleife keiner FIA-Abnahme bestehen?
Diese Frage sollten Sie möglicherweise besser an all jene richten, die sich jetzt lautstark und medienwirksam gegen die Befolgung der FIA-Empfehlungen aussprechen. Wie lautet denn deren Plan B für die GT3-Klassen und betroffenen Veranstaltungen und – so ganz nebenbei – die Geschäftsmodelle der betroffenen Teams und die damit verbundenen Arbeitsplätze? Was in der Diskussion aus unserer Sicht völlig zu kurz kommt: Es geht den Verantwortlichen beim DMSB, bei der VLN, dem ADAC Nordrhein und beim Nürburgring um den Erhalt der Nordschleife als Veranstaltungsort für GT3-Fahrzeuge. Das können wir aber nur gemeinsam umsetzen, indem wir das Verhältnis zwischen Geschwindigkeit und Streckencharakteristik immer wieder im Blick haben. Da im Motorsport die Geschwindigkeiten immer höher werden – das ist Ziel unseres Sports – gibt es immer nur zwei Alternativen: Fahrzeuge anpassen oder Strecke umbauen. Da alle Beteiligten – DMSB, Veranstalter, Rennstrecke, Fahrer und sicher auch die Fans – den Einbau von Schikanen auf der Nordschleife oder andere massive Eingriffe in die Streckencharakteristik nicht wollen, müssen wir immer mal wieder die Fahrzeuge in den Blick nehmen.

Wie wird man zukünftig mit solchen Themen umgehen? Wie will man hier eine bessere Kommunikation herstellen?
Die Verantwortlichen, die von den Vorgaben der FIA tatsächlich betroffen sind, wurden umgehend informiert. Die Einarbeitung der neuen Basisdaten der Motoren war zeitlich noch möglich, weil die BoP für den Start der Nordschleifen-Saison sowieso immer erst wenige Tage vor dem jeweiligen Lauf veröffentlicht werden.

Vielen Dank an Michael Kramp, Presseverantwortlicher des DMSB.

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Dieser Beitrag wurde von verfasst.

Michael Brückner ist seit Jahren begeisterter Motorsportfan und Fotograf. Außerdem sammelt er wissbegierig allerlei Informationen und arbeitet diese dann auf. Warum also nicht alles unter einen Hut bringen und der Welt zur Verfügung stellen. So entstand LSR-Freun.de. Neben der fotografischen und redaktionellen Arbeit kümmert sich Michael auch um die technischen Aspekte des Internetauftritts.
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Ein Kommentar zu “13 Fragen zur Balance of Performance an den DMSB

  1. Die Herren aus dem DMSB haben alle keinen Rücken – alle Entscheider in der BRD sind gleich!
    Die ganze Welt will unser Geld. Die Autoindustrie wird zerstört und wir sollen die Welt retten! Sollen die Verantwortlichen sich doch z.B. Sebring anschauen, wo Durchschnitte von über 210 km gefahren werden und die Zuschauer sowie geparkten Fahrzeuge direkt neben der Strecke stehen. Aber das ist ja die USA – dort würde man sich das nicht gefallen lassen!
    Ist doch lachhaft!! Die Frechheit ist die, das man die Teams 2 Wochen vor dem 1. Rennen informiert. Kostet ja alles nichts und die Vorbereitung war auch für die Katz!
    Meine Ausführung zu den Funktionären gilt auch für die VLN Verantwortlichen und der Veranstalter. So macht man den Motorsport kaputt!
    Die Teams und Zuschauer sollten den Ring boykottieren!!

    Noch eine Bemerkung zum Schluss. Die Nürburgring GmbH schwimmt ja auch im Geld, sodass sie sich das leisten kann!

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