Zeitzeugen sind für uns Historiker unschätzbar wertvolle Quellen für Informationen. Vor allem dann, wenn sie zum einen Zeiten erlebt haben, die – wie beispielsweise die Entstehung und die ersten Jahre des Nürburgrings – lange her sind und zum anderen, wenn sie dann auch noch sehr nahe am Geschehen waren. Diese Menschen können wir zu ihrer Sicht der Geschichte und der Ereignisse befragen und oft sprudeln die Antworten nur so heraus, als sei es gestern gewesen, dass sie etwas bestimmtes erlebt haben. Wir profitieren dann davon, dass wir Dinge erfahren, die in keinem Buch stehen und die man auch sonst nicht recherchieren kann. So sind Zeitzeugen für unsere Arbeit elementar wichtig, um Vergangenes zu verstehen und all dies für kommende Generationen zusammenzutragen.

Aber darum, also den rein informationsbezogenen Aspekt eines Menschen, soll es heute nicht gehen. Denn in jedem Zeitzeugen, der uns Informationen geben und spannende Geschichten erzählen kann, die man sonst nicht erfährt, steckt ein Mensch, ein Wesen mit Charakter, Gefühlen und Erfahrungen. Und genau deswegen sollten Historiker diese Zeitzeugen nie nur als Quelle für Informationen, sondern als Mensch sehen, verstehen und wertschätzen.

Gisela Herbstrith
Foto: Nürburgring.de

Mit Gisela Herbstrith ist einer dieser Menschen vergangene Nacht verstorben. Als Tochter von Dr. Otto Creutz, ehemaliger Landrat des damaligen Kreises Adenau und Erbauer des Nürburgrings, war sie, fünf Jahre vor der Eröffnung der Strecke geboren, so nah am Geschehen dran wie sonst kaum jemand. Als der Zentrumspolitiker Creutz Anfang der 1930er Jahre von den Nationalsozialisten abgesetzt wurde und er seinen geliebten Kreis Adenau verlassen musste, begann nicht nur für ihn, sondern auch für seine Familie eine sehr schwierige Zeit. Dass die Nationalsozialisten seinen Namen aus der Geschichte des Nürburgrings gestrichen hatten und ihm damit alle Verbindungen zu seinem Werk nahmen, konnte Creutz auch nach dem Krieg nicht mehr ertragen.

Nachdem er sich im Februar 1951 das Leben genommen hatte, weil er seinen Nürburgring nicht mehr selbst erleben konnte und daran über die Jahre im wahrsten Sinne des Wortes zugrunde ging, setzte Herbstrith ihr Leben ohne den geliebten Vater fort – die positive, manchmal fast schon verehrende Erinnerung hatte sie aber immer bewahrt. Über die Jahrzehnte hinweg blieb sie dem Nürburgring immer eng verbunden, war dort oft zu Besuch und auch mindestens ebenso oft auf der Strecke unterwegs, bis ins hohe Alter. Anfang der 2000er gelang es ihr schließlich, dem Namen ihres Vaters am Nürburgring wieder nachhaltig den Stellenwert zu verschaffen, den er verdient – unter anderem deswegen befindet sich seit 2002 neben dem Grundstein auch der Gedenkstein für Otto Creutz, direkt gegenüber den Verwaltungsgebäuden und dem Historischen Fahrerlager, die als Ensemble für die Ursprungszeiten des Nürburgrings stehen. Auch in den Jahren danach wurde sie nicht müde, das Andenken an ihren Vater zu bewahren und lebhaft davon zu erzählen, wie er Mitte der 1920er Jahre für den Bau dieser Strecke kämpfte – nicht für sich, nicht, um eine Rennbahn zum Selbstzweck zu bauen, sondern um damit eine Region zu ernähren, die schon seit viel zu langer Zeit der mit Abstand ärmste Kreis im damaligen Land Preußen war. Ein Werk, für das wir nicht dankbar genug sein können und das wir mit Sorgfalt und Weitsicht behandeln – auch ganz im Sinne von Gisela Herbstrith.

Wo wir herkommen und warum unsere Welt heute so ist, verstehen wir nur, wenn wir in die Vergangenheit blicken. Dann sehen wir bei Gisela Herbstrith eine Frau, die auch im hohen Alter vor Energie nur so sprühte, sich unermüdlich für das Erbe ihres Vaters einsetzte und einfach ein humorvoller, herzensguter, positiver, liebenswerter, charmanter, inspirierender Mensch war.

Mir persönlich hat sie bei vielen Besuchen in Pforzheim und am Nürburgring mehr vermittelt als nur Informationen über etwas, das sich vor Jahrzehnten ereignet hat. Aus ihrer Erfahrung, in vielen Gesprächen und Erzählungen hat sie mir viel mehr vermittelt als nur Daten und Fakten über diese Rennstrecke, die für viele von uns mittlerweile der Dreh- und Angelpunkt unseres Wesens ist. Aus ihrer Lebenserfahrung und ihrem positiven, gutmütigen Blick auf die Welt habe ich viel mitgenommen für meinen eigenen Weg durch das Leben. Dafür und für so einiges mehr bin ich ihr von ganzem Herzen dankbar und stehe auch über ihren Tod hinaus in ihrer Schuld.

Screenshot Nürburgring
Foto: Screenshot Nürburgring Facebook

In einer ersten Reaktion hat die Presseabteilung der Eifelrennbahn geschrieben: „Ihr Herz schlug für den Nürburgring“. Das tat es, ohne Zweifel. So nehmen wir nun dankbar Abschied von Gisela Herbstrith, die nicht nur Zeitzeugin und nicht nur Tochter des Nürburgringerbauers war, sondern ein ganz besonderer und liebenswerter Mensch. Von Herzen: danke!

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Dieser Beitrag wurde von verfasst.

Spätestens seit er 2017 mit „Vor 90 Jahren“ sein erstes Buch über die Gründerzeit des Nürburgrings herausgegeben hat, ist der 36jährige Alexander Kraß am Nürburgring bekannt wie ein bunter Hund. Der Ringhistoriker schreibt allerdings nicht nur, sondern ist am Nürburgring und deutschlandweit auch als Moderator unterwegs und hält Vorträge. Mehr über seine Person, seine Moderationstätigkeiten und seine Vorträge gibt es auf www.alexkrass.de.
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