Spätestens seit er 2017 mit „Vor 90 Jahren“ sein erstes Buch über die Gründerzeit des Nürburgrings herausgegeben hat, ist der 35jährige Alexander Kraß am Nürburgring bekannt wie ein bunter Hund. Der Ringhistoriker schreibt allerdings nicht nur, sondern ist am Nürburgring und deutschlandweit auch als Moderator unterwegs und hält Vorträge – heute stellt er sich den Fragen von LSR-freun.de.

Hallo Alex, du bist sehr vertraut mit der Geschichte des Nürburgrings. Die legendäre Nordschleife fasziniert uns schon über 90 Jahre. Wie bist du auf den Nürburgring gekommen und darauf, dich mit seiner Historie so intensiv zu befassen?

Das war ein langer Prozess über viele Jahre. Wie bei Vielen war es auch bei mir so, dass ich quasi schon „familiär vorbelastet“ war – was ich aber auch erst bei den vielen Recherchen herausgefunden habe. Da habe ich erfahren, dass mein Großvater bereits in den 1960er Jahren auf DKW Veranstaltungen mitgefahren ist. Meine Familie war auch danach viel am Ring: Mein Vater und mein Onkel waren beispielsweise auch beim Grand Prix 1976 dabei, der ja durch den Lauda-Unfall ein wichtiges Rennen in der Nürburgring-Geschichte wurde. Ebenso waren sie 1983 beim 1000 Kilometer-Rennen, das ja durch die Rekordrunde, aber auch den Unfall von Stefan Bellof bekannt wurde.

Und wie bist du dann zum Ring gekommen?

Damit schon vorbelastet, war ich Anfang 2007 eher durch Zufall in der Region und bin spontan eine Runde Nordschleife im Touristenverkehr gefahren. Dabei habe ich die Abschnittsschilder entdeckt und angefangen, die Herkunft und die Bedeutung der ganzen Namen zu recherchieren. Das war im Prinzip der Moment, in dem das alles begonnen hat, quasi die Initialzündung. Nach und nach habe ich über die Streckenabschnitte, die Strecke an sich, bauliche Veränderungen, die vielen Epochen der Geschichte usw. immer mehr herausgefunden. Vor allem interessant waren – und sind natürlich immer noch – alte Fotos aus den verschiedensten Epochen und von verschiedensten Stellen.

Vor 90 Jahren - Das Buch von Alexander Kraß
Vor 90 Jahren – Das Buch von Alexander Kraß | Foto: L. Rodrigues

Wie haben sich diese Recherchen dann zum Stand von heute entwickelt?

Dieses Nachforschen hat sich dann mit der Zeit immer weiter intensiviert, auch dadurch, dass ich Kontakt mit Zeitzeugen bekam, die mir viel aus verschiedenen Jahrzehnten erzählen konnten. Auch mit anderen Historikern bin ich dann mehr und mehr in Kontakt gekommen, wir haben Material ausgetauscht und ich habe in der Zeit auch angefangen, mir selbst ein umfangreiches Archiv mit Material anzulegen. Und wie das eben bei einem Hobby so ist: Mit jedem Detail, dass ich entdecke, gehe ich immer tiefer in die ganze Sache hinein – im Prinzip ist das also eine unendliche Geschichte, die am Ende mit dieser einen spontanen Runde im Januar 2007 angefangen hat.

Was ist es genau, das sich an der Historie so interessiert?

Da ist zum einen, und das mag manchem möglicherweise etwas öde erscheinen, das akribische Dokumentieren von Geschichte. Da gibt es einen groben Strang von Ereignissen, die ganzen Details dahinter zu finden, ist aber teils nicht ganz so einfach und gleicht einer großen Detektivarbeit oder vielleicht auch einem großen Puzzle, das zusammengesetzt werden soll. Ich kenne den Nürburgring erst seit 13 Jahren und so wollte ich natürlich wissen, wo diese Strecke überhaupt herkommt und wie sie sich zu der Strecke entwickelt hat, die wir heute kennen. Die Grundfrage ist im Prinzip: Welche Menschen haben wann, wo und warum welche Entscheidungen getroffen und zu was haben diese Entscheidungen letztendlich geführt?

Natürlich würde mich das alles nicht interessieren, wenn ich nicht diese berühmte und so vielfältige „Faszination Nürburgring“ in mir tragen würden. Und mit mir gibt es zehntausende Fans, die zu den Rennen am Nürburgring kommen und von denen jeder einzelne seine ganz persönliche Faszination Nürburgring mitbringt. Jeder hat seinen ganz persönlichen Zugang zum Nürburgring gefunden, jeder hat andere Erlebnisse, die ihn geprägt haben, jeder hat so seine Lieblingsaspekte, Lieblingsabschnitte, Lieblingsteams und Fahrer und so viele weitere Aspekte, die einen persönlichen Bezug herstellen. Und genau das findest du in dieser Vielfalt am Ende auch nur am Nürburgring, weil jeder eben seine ganz persönliche Beziehung zu dieser wunderbaren Strecke herstellen kann. Und da sind wir jetzt an einem Punkt, der dann doch recht schwierig zu erklären ist: genau diese ganz persönliche Faszination Nürburgring.

Hast du ein Beispiel dafür?

Versuche mal jemandem, der noch nicht am Nürburgring war, nur mit Worten zu erklären, was die Faszination des 24h-Rennens ausmacht. „Da fahren Rennautos nachts durch den Wald, da wird gezeltet und gegrillt und alle haben gute Laune“ ist wohl nicht die Aussage, welche die Massen überzeugt, denn so ein 24h-Rennen musst du einfach mal selbst erlebt haben, um zu verstehen, was das alles ausmacht.

Matthias Beckwermert und Alexander Kraß Nürburgring Lounge
Matthias Beckwermert und Alexander Kraß im Gespräch | Foto: Archiv Alexander Kraß

Aber ist Geschichte am Ende nicht doch nur einfaches Wiedergeben der Vergangenheit?

Wenn du das reine Auflisten der Ereignisse meinst, dann ist das richtig. Für mich ist es aber wichtig zu sehen, zu verstehen und am Ende auch zu vermitteln, warum etwas passiert ist und was dann daraus entstanden ist. Nur so kannst du wirklich verstehen, wie es zu dem Nürburgring gekommen ist, den wir heute haben. Im Geschichtsunterricht ist es ja wichtig, den Schülern zu vermitteln, dass Geschichte nichts Starres und Selbstverständliches ist, was wir heute als gegeben ansehen, weil es einfach so war – sondern das zu vermitteln, welche Auswirkungen das am Ende auf unsere heutige Lebensrealität hat und auch, was wir aus der Geschichte lernen können.

Darüber hinaus passiert Geschichte ja jeden Tag und sowohl wir als auch das, was wir erleben, ist ein Teil davon. Am Ende schreiben wir mit unseren Handlungen und Entscheidungen ja täglich Geschichte, und sei es nur die eigene Lebensgeschichte. Das, was wir dann in unserer Zeit am Nürburgring tun und erleben, wird in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren in den Geschichtsbüchern stehen und das zeigt uns, dass wir aktiv die Geschichte mitgestalten. Darüber hinaus wird Geschichte ja auch lebendig, wenn wir versuchen, uns in die Situationen von damals hineinzuversetzen.

Wie versuchst du das umzusetzen?

Das ist auch der Grundtenor von meinem ersten Buch und wird es auch bei kommenden Büchern sein, dass ich nicht einfach Ereignisse nacheinander aufzähle, sondern dass ich versuche zu vermitteln, welche Auswirkungen diese Ereignisse haben, wie sie im Zusammenhang stehen und vor allem, die Motivation hinter Handlungen und Entscheidungen darzustellen. Damit versuche ich, Geschichte nachvollziehbar und auch irgendwo nacherlebbar zu machen. Am Ende steht als Überschrift aber auch über allem, welchen unschätzbaren historischen und auch realen Wert wir mit dem Nürburgring haben und aufzuzeigen, in welcher jahrzehntelangen Tradition wir heute stehen, wenn wir am Nürburgring sind. Da können wir Geschichte vor Ort spüren, auch wenn sie schon lange vorbei sein mag.

Wo oder wie ist diese Geschichte vor Ort noch spürbar?

Eigentlich erzählt jeder Meter Nordschleife und jede Ecke etwas aus der Geschichte. Als einfaches Beispiel nehme ich mal das Historische Fahrerlager. Das ist bis auf wenige Änderungen noch so erhalten, wie es damals für die Eröffnung im Jahr 1927 gebaut wurde. Und alles, was im Motorsport zwischen 1927 und der Eröffnung der Grand-Prix-Strecke 1984 Rang und Namen hatte, war dort im Historischen Fahrerlager. Geh einfach mal dort hin, wenn es recht ruhig ist, und stell dir vor, dass solche heute legendären Fahrer wie Caracciola, Rosemeyer, Nuvolari, Fangio, Trips, Stewart, Lauda und Bellof und viele weitere genau in diesem Garagenensemble ihre Rennwochenenden erlebt haben. Dass sie hier ihre Rennwagen vorbereitet haben, mit Mechanikern diskutiert und getüftelt haben, Erfolge gefeiert und Niederlagen erfahren haben und vieles mehr – hier wurde Motorsport gelebt. Wenn dann beim OGP oder den Nürburgring Classic noch die entsprechenden Fahrzeuge im Historischen Fahrerlager stehen, kann man sich wirklich in die entsprechenden Zeiten zurückversetzt fühlen. Fehlt nur noch, dass Rudolf Caracciola plötzlich um die Ecke kommt.

Alexander Kraß Buchvorstellung "Sharknose" Burg Heimerzheim
Alexander Kraß bei der Buchvorstellung auf Burg Heimerzheim | Foto: Nils Ruwisch

Gilt das nur noch für solche original erhaltenen Orte?

Nein, das gilt auch für die Nordschleife. Auch wenn sich das äußere Bild der Strecke natürlich massiv verändert hat – weg von den Hecken und hin zu Leitplanken und Fangzäunen -, die Streckenführung und vor allem die Herausforderung der Strecke blieben ja bestehen. Ganz gleich wo du an der Nordschleife bist: Dort sind in den 1930ern schon die Auto Union Typ C mit ihren 16 Zylindern vorbeigeballert, in den 1950ern fuhr hier Fangio, Trips kämpfte Anfang der 1960er mit seinen Konkurrenten und in den 1970ern rasten hier Stewart und Lauda mit ihren Formel-1-Geschossen über den Asphalt, um nur mal ein paar Beispiele zu nennen. Auch wenn wir das der Strecke nicht direkt ansehen: all die großen Namen sind hier ihre Rennen gefahren, legendäre Rennen, und das auf großartigen Fahrzeugen. Wenn du mal an der Nordschleife unterwegs bist und es ist gerade nichts auf der Strecke los, versuch dir das einfach mal vorzustellen, wie hier vor 85 Jahren ein Rosemeyer vorbeigedonnert ist. Und da sind wir auch wieder beim Heute: So, wie vor Jahrzehnten die Menschen begeistert und fasziniert an der Strecke gestanden haben und in allen Epochen den großen Namen bei ihren Rennen zugesehen haben, so stehen wir heute beim 24h-Rennen am Zaun und erleben dieselbe Faszination und können dasselbe Feuer spüren, was der Ring schon seit Jahrzehnten hervorbringt.

Das ist absolut richtig, diese Faszination überdauerte alle technischen Entwicklungen. Welche dieser Epochen ist für dich die interessanteste?

Das ist wirklich schwer zu sagen. Gedanklich bin ich natürlich immer ganz tief in der Epoche, über die ich gerade schreibe oder über die ich gerade einen Vortrag vorbereite. Letztendlich hat jede Ära so viele unterschiedliche Aspekte, dass ich überhaupt nicht sagen kann, welche die interessanteste für mich ist, weil sie alle so verschieden und dadurch jede für sich wieder unheimlich interessant ist. Begonnen hat das alles mit der Gründerzeit des Rings, also mit den Planungen, dem Bau und der Eröffnung. Kurz danach folgten schon die großen Rennen der Silberpfeile von Mercedes-Benz und Auto Union in den 1930ern, dann kam die Kriegszeit und der Wiederaufbau Ende der 1940er. In den 1950ern und 1960ern folgte dann die oft als „goldene Zeit des Motorsports“ bezeichnete Epoche und dann kamen die 1970er, die ja vor allem von Sicherheitsdiskussionen im weltweiten Motorsport und am Nürburgring geprägt waren.

Da bist du dann direkt auch schon in der Moderne des Nürburgrings mit dem Bau der Grand-Prix-Strecke in den 1980ern und dann auch relativ schnell in der heutigen Zeit. Alle diese Epochen sind so unterschiedlich und nicht zu vergleichen und alle haben unheimlich spannende Facetten. Und was wir nicht vergessen dürfen: das Heute. Vielleicht ist das am Ende dann meine „Lieblingsepoche“, weil ich sie miterleben darf.

Wie es weitergeht erfahrt ihr bald im zweiten Teil.

Das Buch „Vor 90 Jahren“ von Alexander Kraß kann man auf www.vor90jahren.de bestellen – jeglicher Erlös geht an das Kinderhospiz „Balthasar“ in Olpe/Westfalen. Mehr Informationen über weitere Projekte, seine Moderationstätigkeiten und seine Vorträge gibt es auf www.alexkrass.de.

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Lutz Rodrigues Do Nascimento wurde in den 70er Jahren vom Motorsport-Virus infiziert, sein Onkel war im Porsche-Werk Weissach tätig und nahm ihn damals schon mit zu den Rennfahrzeugen. Seit 2011 ist er regelmäßig am Nürburgring bei der VLN mit der Kamera vor Ort und konnte sich somit ein Netzwerk an Bekanntschaften zu Teams, Fahrern und der Streckensicherung knüpfen. Seit März 2017 ist Lutz Teil der LSR-Freun.de und gilt als unser Draht zu den Teams und Fahrern. Mit Fotos und Stories aus den engsten Kreisen sorgt er immer wieder für staunende Gesichter.
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