… und das von zuhause aus! Denn ein Geisterrennen gab es am Nürburgring noch nie. Es gab kuriose Rennen, aber ein Rennen ohne Zuschauer war auch am Nürburgring etwas vollkommen Neues. Das wird irgendwann in den Geschichtsbüchern stehen – und wir haben das gestern live erlebt. Sind Sie sich darüber bewusst, dass Sie von zuhause aus Teil von etwas ganz Besonderem waren?

Wir haben gestern Geschichte erlebt!

Alexander Kraß
Alexander Kraß | Gastautor LSR-Freun.de

Eigentlich bin ich ja kein Fan davon, den Übertreibungen in so einigen Pressemeldungen zu folgen, gerade im Motorsport. Da gewinnt ein Team zweimal hintereinander die Klasse und schon wird proklamiert, dass ja „am Nürburgring Geschichte geschrieben“ wurde. Findet etwas zum zweiten Mal statt, ist es schon „Tradition“ und Autos, die Fans haben, werden schnell als „Ikone des Motorsports in der Eifel“ bezeichnet. Nunja, solche unnötigen Übertreibungen eben, die dazu führen, dass diese Begriffe, die eine besondere Situation beschreiben sollen, verwässern und Superlative abgelutscht werden. Ich denke es wird klar: Ich bin in solchen Formulierungen recht zurückhaltend. Gestern war allerdings ein Moment, für den wir eine solche Formulierung absolut verwenden können. Denn: Auch wenn wir nicht an der Strecke waren, haben wir am Nürburgring gestern Geschichte erlebt. Ein Geisterrennen gab es in der Eifel nämlich noch nie.

Es gab schon aus heutiger Sicht ziemlich kuriose Rennen, auch am Nürburgring. Das sind alles Rennen, die vor allem Denjenigen, die dabei waren, in Erinnerung blieben – aber auch Menschen, die viel später geboren wurden, kennen diese Rennen aus Erzählungen und aus Büchern. Mal ein kleiner Auszug:

– Beim Eifelrennen 1937 war es so heiß, dass sich am Tag zuvor an mehreren Stellen der Asphalt aufgeweicht hatte und das Training abgebrochen werden musste. Am Rennsonntag stand dann beispielsweise am Wippermann ein Sprengwagen bereit, um bei Bedarf die Strecke zu wässern, damit der Belag die Hitze aushält.

– Beim Großen Preis 1962 kam es wegen starken Regens zu einem kleinen Erdrutsch – die Strecke musste gereinigt und deswegen der Start verschoben werden. Diejenigen von uns, die bei den 24h 2007 dabei waren, wissen grob, wie das damals gewesen sein muss.

– Ein Motorradrennen beim Eifelrennen 1968 musste wegen eines Waldbrands an der Südschleife abgebrochen werden.

– Aus Sicherheitsgründen wurde aus dem 24h-Rennen 1973 ein 2x8h-Rennen gemacht. Acht Stunden Rennen, acht Stunden Pause, acht Stunden Rennen – fertig.

– Viele erinnern sich sicherlich an den Barbarossapreis der VLN 2008: Nach einem Unfall im Training hatte ein Fahrzeug so viel Diesel auf der Strecke verteilt, dass schlichtweg nicht mehr gestartet werden konnte.

Es gibt noch viel mehr Beispiele für kuriose Rennen – ein Geisterrennen gab es allerdings noch nie, dazu noch keines, bei dem das Fahrerlager in dieser Form als Boxengasse verwendet wurde. Ob man den Kreisel nun als Corona-Kurve, als Fahrerlager-Karussell oder als Inkarnation des neuen NLS-Logos bezeichnet, spielt keine Rolle, dieses Konzept wird in den Köpfen bleiben und in zehn, zwanzig und mehr Jahren in den Büchern über die Geschichte des Nürburgrings behandelt werden, und nicht nur in meinen. Und vor allem: Dieses Konzept hat es möglich gemacht, dass nach langen Monaten endlich wieder ein Rennen am Nürburgring stattfinden konnte – denn das ist schlichtweg existenzsichernd für die Veranstalter, unzählige Teams, viele Firmen, Hotels, Restaurants, im Prinzip also für die gesamte Region rund um den Nürburgring.

Womit wir noch Geschichte erlebt haben: Den Zusammenhalt und die Vernunft der vielen, vielen VLN-Fans. Nach vielen Aufrufen, in die ich mich am Mittwoch auch eingereiht hatte, war schon am Samstagmorgen klar: Auf die Fans des Nürburgrings ist einfach Verlass. Zwar gab es, wie zu erwarten war, in den sozialen Netzwerken mehr oder weniger geistreiche Äußerungen zum Zuschauerverbot, ebenso auf den bekannten Meckerseiten, haken wir das aber vielleicht einfach als Ausdruck der Enttäuschung ab, dass niemand an die Strecke durfte. Wie ich in meinem Video schon gesagt hatte: Das war für uns alle hart, nicht an der Strecke sein zu können, aber es hatte schlichtweg seinen Sinn. Und: Es hat funktioniert und das ist am Ende das Wichtigste.

Was auch zum Gelingen beigetragen hat: der Livestream. Den ganzen Tag über wurden wir Fans zuhause von Lars, Lukas, Olli und Patrick auf das Feinste mit allen wichtigen Informationen und durch nürburgring.tv mit tollen Bildern versorgt. Auch die Goodyear-Fanzone war klasse, mein Highlight war allerdings – natürlich – die Sofafahrt von Olli und Patrick über die Nordschleife. Großartig!

Was am Ende bleibt, auch für die Geschichtsbücher: Das Konzept der NLS hat funktioniert – es hat am Ende aber nur funktioniert, weil keine Zuschauer an der Strecke waren. Jeder, der gestern nicht am Nürburgring war, hat gestern am Nürburgring Geschichte erlebt. Das klingt schräg, das ist es auch – aber es stimmt. In ein paar Monaten oder Jahren werden wir wieder Motorsport am Nürburgring live erleben können und dann einfach daran denken, welche verrückten Zeiten wir gemeinsam durchgestanden haben. Auch von meiner Seite aus: Vielen, vielen Dank an alle, die zuhause geblieben sind und damit Teil eines einzigartigen Rennens waren. Ihr seid die wahren Motorsportfans – auf euch ist einfach Verlass!

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Dieser Beitrag wurde von verfasst.

Alexander Kraß
Spätestens seit er 2017 mit „Vor 90 Jahren“ sein erstes Buch über die Gründerzeit des Nürburgrings herausgegeben hat, ist der 35jährige Alexander Kraß am Nürburgring bekannt wie ein bunter Hund. Der Ringhistoriker schreibt allerdings nicht nur, sondern ist am Nürburgring und deutschlandweit auch als Moderator unterwegs und hält Vorträge. Mehr über seine Person, seine Moderationstätigkeiten und seine Vorträge gibt es auf www.alexkrass.de.
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