Wie kann der Hockenheimring davon profitieren?

Hockenheimring BaWü-Center
Hockenheimring BaWü-Center | Foto: M. Brückner

Das ist auch hier bei uns in Hockenheim seit 2012 die Idee und im Gesellschaftervertrag der emodrom gmbh hinterlegt: Gemeinsam mit den Eigentümern des Hockenheimrings auf der einen Seite, und wir auf der privaten anderen Seite zeichnen als Ideengeber und für die operativen Massnahmen strategisch verantwortlich – die Transformation von der klassischen Rennstrecke in die Zukunft. Und deshalb sind wir offen. Wenn z.B. eine Formel-e Interesse haben sollte, sagen wir nicht nein. Hier ist zwar immer noch das klare Konzept, in die Innenstädte zugehen. Es sind aber auch Änderungen zu erkennen. Gerade jetzt wurde in Mexico auf einer Rennstrecke gefahren.

Ich hatte bereits 2012 der FIA ein Konzept für E-Racing vorgelegt, welches ebenfalls die innerstädtische Umsetzung beinhaltete. Heute würde ich das ganze jedoch neu betrachten. Ist es, nachdem vermehrt Diskussionen wie Speed-Limit, Schadstoffreduktion in Innenstädten, illegale Strassenrennen usw. aufkommen – immer noch schlau, die Autorennen in die Innenstädte zu holen? Wo doch die Bewohner der Städte gerade versuchen, Schadstoffe und Feinstaub aus den Städten herauszubekommen und mit Fahrverboten zu kämpfen haben.

Es gibt sicherlich gute Argumente sowas zu tun, aber es gibt inzwischen auch genügend Gründe auf andere Infrastrukturen zurückzugreifen, die schon alles bieten können und deshalb auch kostengünstiger sind. Also ein sowohl als auch! Ich denke, dass wir hier im Geburtsland von Carl Benz und Gottlieb Daimler sehr gut aufgestellt sind.

Was erwarten Sie sich von unserer Politik in Bezug zur automobilen Zukunft und den Motorsport?

Für die automobile Zukunft ist es wichtig, nicht dogmatisch zu argumentieren, sondern einfach auch mal zu schauen, was in der Praxis funktioniert und was nicht. Für reine E-Mobilität gibt es einen Markt, weil hier auch der größte statistische Wert – die Kurzfahrten bis 60 km/täglich – abgebildet werden kann. Das Problem kommt erst danach: Wo tanke ich und wann tanke ich und wie erhält man eine Infrastruktur, die massentauglich wird? Dort fangen dann die Probleme an, wenn man alles auf einmal auf Elektro umstellen will.

Der Hockenheimring hat diese Infrastruktur in Teilen bereits, gerade wegen des Porsche-Experience Center und dem Taycan, der vollelektrisch unterwegs ist. Wir haben hier gesehen, welche Herausforderung es ist, weniger die Struktur aufzubauen, sondern eher die Energie herzubekommen. Wenn wir das weiter ausbauen wollen, reden wir über ordentliche siebenstellige Investitionen, was es bedeutet, die Energie zur Verfügung zu stellen, zu managen und zu speichern. Wir müssen also auch über Energiespeicher sprechen, zum Abpuffern und Wiedergeben in Spitzenzeiten. In den kommenden Wochen starten wir mit Hochschulen und den Stadtwerken ein Forschungsprojekt für mobile Energiespeicher, welches vom Land Baden-Württemberg gefördert wird.

Und so schließt sich der Kreis zur eigentlichen Headline. Es wird immer ein Entweder-oder gesehen. Unsere Botschaft dagegen ist ganz klar: sowohl, als auch! Wir werden die DNA des Hockenheimrings aufrechterhalten und mit allen Mitteln kämpfen und dafür arbeiten, dass wir dem klassischen Motorsport ein Zuhause bieten können. Aber wir werden uns auch mit der Zukunft beschäftigten. Denn mit der werden wir morgen leben müssen. So ein Ring ist auch kein Hobby. Wir sprechen hier von über hundert Hektar. Die müssen Instand gehalten werden und müssen immer wieder erneuert werden. Dazu bedarf es dann Geschäftsmodelle, die funktionieren und rentabel sind und das alles ermöglichen.

Youngtimer Opel Kadett auf dem Hockenheimring
Youngtimer Opel Kadett auf dem Hockenheimring | Foto: M. Brückner

Im Gegensatz zur städtisch geprägten Hockenheim-Ring GmbH arbeite ich mit meinem Team der emodrom-group privatwirtschaftlich. Gemeinsam mit meinen Gesellschafterkollegen haften wir für alles privat, was wir hier tun. Das birgt natürlich wie jedes Geschäft Risiken, eröffnet aber für den Hockenheimring auch Chancen in Zukunft eine Rolle im Geschäft internationaler Rennstrecken und Event-Locations zu spielen.

Noch eine abschließende Frage: Die Herkunft der LSR-Freun.de sind die Langstreckenrennen. Wird es am Hockenheimring irgendwann 12h- oder 24h-Rennen geben?

Es gibt Gründe, warum es keine Langstreckenrennen gibt. Dazu zählt hier schlichtweg unter anderem die Betriebsgenehmigung. Man muss – und da sind wir uns hier am Hockenheimring alle einig – auf die Bedürfnisse und Erwartungen der Bevölkerung und der Anwohner Rücksicht nehmen, um eine solche Sportstätte betreiben zu können.

Lautstärke wird heute z.B. anders gesehen als früher und ist wohl weniger Emotionswert als damals. Das Verständnis war bisher immer groß, dass man an Wochenenden Rennen zuließ. Klar, Hockenheim ist eine Rennstadt wie sie selbst wirbt, die durch den Hockenheimring weltberühmt wurde!
So wird es auch in Zukunft immer schwieriger, Langstreckenrennen zu verkaufen, zumindest wenn sie länger als sechs Stunden gehen. Wo es anders aussehen könnte, ist, wenn diese dann elektrisch stattfinden. Da hat man die Lärmbelastung nicht, einzig die Abrollgeräusche der Reifen. Aber auch dort arbeitet die Industrie permanent an der Geräusch-Reduktion.

Vielleicht wird bei uns auch bald eSports-Event geben. Da verläuft die Entwicklung auch rasend schnell. Raus aus den heimischen Spielzimmern, hin zu großen Events. Da macht es auch einen Unterschied, ob ich zu Hause sitze oder hier, meinetwegen auf der Südtribüne, und kann bei einem Live-Rennen virtuell mitfahren. Das sind Ideen und Gedanken, die wir momentan durchspielen.

Vielen Dank, Herr Reister, dass Sie sich die Zeit genommen und unsere Fragen beantwortet haben und uns die Zukunft des Hockenheimrings vorgestellt haben.

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Dieser Beitrag wurde von verfasst.

Michael Brückner ist seit Jahren begeisterter Motorsportfan und Fotograf. Außerdem sammelt er wissbegierig allerlei Informationen und arbeitet diese dann auf. Warum also nicht alles unter einen Hut bringen und der Welt zur Verfügung stellen. So entstand LSR-Freun.de. Neben der fotografischen und redaktionellen Arbeit kümmert sich Michael auch um die technischen Aspekte des Internetauftritts.
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