Ohne Sportwarte gibt es keine Rennen, das ist jedem Motorsportfan klar. Jedoch wird die Tätigkeit und Verantwortung häufig von den Fans nicht erkannt oder ernst genommen. Das die Marshals weltweit bei Wind und Wetter ihr Leben riskieren und dies zumeist ehrenamtlich sollte doch eigentlich für mehr Anerkennung sorgen. Um mir selbst einen tieferen Einblick und das nötige Fachwissen zu verschaffen besuchte ich am 16. Februar 2019 den Sportwarte-Lehrgang des Nürburgring Safety Teams.

Autor Lutz Rodrigues
Foto: L. Rodrigues

Nach rechtzeitiger Anmeldung über die Einsatzgruppe des „Chief Marshals“ Bernd Plauschinat und der Registrierung meiner Daten beim DMSB war ich über die Wintermonate schon gespannt was mich erwartet. Seit Jahren unterstütze ich über den Benefiz-Corso e.V. die Sportwarte der Streckensicherung und befasse mich mit deren Tätigkeit, Problemen und Anliegen. In dieser Zeit habe ich mich mit unzähligen Damen und Herren rund um den Nürburgring über ihre Erfahrungen unterhalten. Einige Abende voller Gespräche mit Abschnittsleiterinnen und Abschnittsleitern, Praktikanten und „alten Sportwarthasen“ waren voll mit interessanten Erlebnissen vom Dienst an der Leitplanke.

So machte ich mich an diesem Samstagmorgen vom Hochtaunus aus auf in die Eifel. Bei frischen Temperaturen aber strahlend blauem Himmel begrüßte mich die Nürburg und der Ring. Nach der persönlichen Anmeldung und Entgegennahme des Tagesplans traf sich der gesamte Lehrgang im Media Center. Es waren weit über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer unter denen sich auch Abschnittsleiter befanden. Auch Michael Bork, Rennleiter der VLN Langstreckenmeisterschaft, war gekommen um sich ein Bild der „Frischlinge“ zu machen. Nach Begrüßung durch Andreas Mühlenbernd, Leiter der Streckensicherung und Race Control, und einigen einleitenden Sätzen wurden die Teilnehmer in vier Gruppen aufgeteilt um bei verschiedenen Stationen praxisnah geschult zu werden.

Die eigene Sicherheit an der Rennstrecke, das Vorgehen bei einem Unfall und die wichtige Reihenfolge der Abläufe „Sichern – Melden – Helfen“ wurde erklärt und begründet. Die persönliche Eigensicherung steht, auch wenn es bei einem Unfall vielleicht schnell gehen muss, immer im Vordergrund. Keinem ist doch am Ende geholfen, wenn man den Posten ungesichert verlässt um einem Fahrer auf der Rennstrecke aus dem Unfallwagen zu befreien, wenn ohne entsprechende Flaggensignale und Einbremsung des Renngeschehens vielleicht schlimmere Folgeunfälle geschehen.

Somit ging es auch zum zweiten Block der Schulung: Flaggenkunde. Hier wurde die Bedeutung und der regelkonforme Einsatz der entsprechenden Flaggen erklärt. Welche Flagge wird wann, wo und wie gezeigt. Welche werden geschwenkt und welche Tafeln gibt es um den Fahrern die nötigen und wichtigen Anweisungen zu geben. Neben den bekannten Flaggen wie Gelb, Blau, Weiß und Rot wurden die Sonderflaggen für Motorradsport und Kartsport erläutert.

Die Regeln für Motorrad- und Kartsport selbst waren dann Inhalt des nächsten Unterrichts. Dort wurden die Unterschiede zu den Autorennen, wie eine gehaltene gelbe Flagge beim Motocross oder spezielle Flaggen wie die „Disqualifiziert wegen Überrundung“ bei Karts. Auch das Verhalten des Sportwartes bei einem Motorradunfall wurde vermittelt.

Feuerlöscher
Foto: L. Rodrigues

Den Vormittagsblock schloss dann eine Einführung in die korrekte Nutzung des Funkverkehrs. Die Formulierung einer schnellen und deutlichen Meldung an den Abschnittsleiter, Vorposten, Folgeposten und die Race Control -ebenso der Empfang einer Anweißung, kann in Sekunden über mögliche fatale Folgen eines Unfalls entscheiden. Oder zumindest über den weiteren Rennverlauf und Ausgang für die Teilnehmer.

Nach der Mittagspause ging es im nächsten Block dann um das Verhalten und Vorgehen bei einem Einsatz während gewerblicher Veranstaltungen am Nürburgring wie Trackdays, Touristenfahrten oder von Kunden gemieteten Streckenzeiten. Auch dies war sehr interessant, wenn auch für mich persönlich nicht relevant, da die Streckensicherung auf den Posten eine etwas anderst gelagerte Aufgabe hat. Die Aufsicht, Sicherung und schnelle Meldung an die Einsatzleitung hat hier Priorität, ein eigenes Eingreifen bei Unfällen sollte nicht stattfinden da man als Einzelposten voll auf die Absicherung des Abschnitts achten muss.

Abseits der Rundstreckenrennen von Autos, Karts und Motorrädern gibt es natürlich auch die abweichenden Regeln für Rallye, Slalom oder Bergrennen. Diese wurden in einem eigenen Unterrichtsteil erläutert und vermittelt. So kommt bei Bergrennen üblicherweise nur die rote Flagge zum Einsatz um den Wertungslauf abzubrechen. Das Flaggensignal wandert „von der Unfallstelle postenweise bergab zum Start“ um nachfolgende Teilnehmer rechtzeitig anzuhalten.

Praxisnah ging es dann in der Box 1 und im Fahrerlager vor der Box um den Einsatz von Feuerlöschern, die Vorbereitung, Handhabung und was zu beachten ist. Ebenso das Retten und erste Sofortmaßnahmen gehörten zu diesem Teil.

Letzter Block war dann der spezielle Regelteil für Sportwarte der Streckensicherung am Nürburgring selbst. Bedingt durch die Länge, Topografie und Besonderheiten der Nordschleife gibt es hier einige weitere Sonderregeln wie Code 60 und das begleiten mit Flaggensignalen von Staffel- Rettungs- oder Reparaturfahrzeugen. Diesen Teil übernahm Andreas Mühlenbernd persönlich um den Teilnehmerinnen und Teilnehmern deutlich zu mache wie notwendig und entscheident ein korrektes und schnelles Vorgehen ist.

Abschließend wurde dann das über den Tag Gelehrte bei einer Prüfung mit Multiple Choice Fragen getestet. Entsprechende Ergebnisse werden dann in den nächsten Tagen mitgeteilt und bei Bestehen die Lizenz ausgegeben. Alles in Allem war es ein sehr interessanter und lehrreicher Tag der mir persönlich für die Zukunft und der Arbeit an der Strecke sicherlich sehr hilfreich war. Es war sehr viel Theorie, welche sich allerdings erst bei den Einsätzen in der Praxis festigen kann. Für die Chance dieser Ausbildung danke ich Herrn Mühlenbernd und Herrn Plauschinat.

Im Nachgang des Lehrgangs zieht Andreas Mühlenbernd selbst Fazit: „In den letzten Jahren haben wir gemeinsam mit der VLN und dem Nürburgring eine Vielzahl von Sportwarten geschult. Sowohl Auffrischungslehrgänge als auch Schulungen für neue Sportwarte wurden durchgeführt. Diese Kooperation zwischen VLN und Nürburgring 1927 GmbH & Co KG stellt für alle Beteiligten nur Vorteile dar. Das Thema Nordschleifen-Schulung wird in Zukunft noch weiter ausgebaut und ermöglicht den Teilnehmern vor Ort die Thematik zu vertiefen.

Alles in Allem wurden in diesem Jahr wieder über 400 Sportwarte geschult.
Auch für die Referenten waren es wieder sehr gute Tage mit vielen aufschlussreichen Gesprächen rund um die Streckensicherung.

Das Thema gewerbliche Veranstaltungen wie Trackdays hat für den Einen oder Anderen sicherlich auch an Mehrwert gewonnen. Während der Schulungen konnten sich die Teilnehmer über dieses Thema ausführlich informieren.

Sportwarte-Nachwuchs wird immer gebraucht und die Zahl von insgesamt 152 Teilnehmern an der Neuling-Schulung spricht eine deutliche Sprache.“

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Dieser Beitrag wurde von verfasst.

Lutz Rodrigues Do Nascimento wurde in den 70er Jahren vom Motorsport-Virus infiziert, sein Onkel war im Porsche-Werk Weissach tätig und nahm ihn damals schon mit zu den Rennfahrzeugen. Seit 2011 ist er regelmäßig am Nürburgring bei der VLN mit der Kamera vor Ort und konnte sich somit ein Netzwerk an Bekanntschaften zu Teams, Fahrern und der Streckensicherung knüpfen. Seit März 2017 ist Lutz Teil der LSR-Freun.de und gilt als unser Draht zu den Teams und Fahrern. Mit Fotos und Stories aus den engsten Kreisen sorgt er immer wieder für staunende Gesichter.
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