Tim Scheerbarth aus Dormagen zählt wohl zu den bekanntesten Nordschleifenpiloten der Neuzeit. Spätestens seit seinem VLN-Meistertitel 2011 kommt man kaum an ihm vorbei, wenn es um schnelle Rundenzeiten und Siege geht.

Foto: Archiv Tim Scheerbarth

Scheerbarth lernte den Motorsport auf dem Nürburgring von der Pike an und begann in seriennahen Rennwagen. Der 33-jährige lernte weiter in Tourenwagen und steuerte erfolgreich GT3 und GT4 Boliden verschiedener Hersteller bei der Nürburgring Langstrecken-Serie und beim 24h-Rennen in der Grünen Hölle. Als Coach ist er ebenso gefragt und beliebt.

Foto: L. Rodrigues

2021 gelang ihm mit W&S Motorsport bereits beim achten Lauf der Saison der Sieg der Cayman Trophy by Manthey Racing mit dem Porsche 718 GT4 RS und den Cockpitkollegen Daniel Blickle und Max Kronberg. Für die anstehende Saison der Nürburgring Langstrecken-Serie steigt er nun in den Porsche 911 GT3 Cup 992 im AVIA Design und bleibt dem schwäbischen Rennteam treu.

Die Truppe von W&S Motorsport rund um die Teamchefs Patrick Wagner und Daniel Schellhaas ging 2021 erstmals in der Klasse Cup 3 mit dem Cayman an den Start, zuvor nannte das Team in der Klasse SP10, Schellhaas und seine Mannschaft hätten sich nicht ausgemalt, dass sie in dieser hart umkämpften Trophy in der Debütsaison und schon einen Lauf vor Saisonende den Titel holen. Sicherlich hat zu diesem Erfolg Tim Scheerbarth einen großen Teil beigetragen. Wir haben uns mit ihm über die Herausforderung 2022 als Titelverteidiger unterhalten.

Tim, dein Team hat die Katze aus dem Sack gelassen und gab bekannt, dass Du mit Daniel Blickle dieses Jahr im Cup 2 mit dem Porsche 911 GT3 Cup 992 startest. Als Partner steht euch hierbei AVIA zur Seite. Was war Dein erster Gedanke?

Foto: AVIA W&S Motorsport

Ich freue mich wie Bolle auf die Saison mit einem so geilen Auto und AVIA W&S Motorsport. Dass ich mit Daniel an der Seite die Trophy verteidigen darf, ist fantastisch und ich bin mir sicher, dass wir einen starken dritten Mann ins Cockpit bekommen. Der Cup-911 im AVIA-Design sieht schon im Stand schnell aus, das war mein Gedanke als ich erste Bilder sah. Das gesamte Paket ist grandios und wir werden natürlich voll angreifen.

Bevor wir weiter über die anstehende Saison reden, noch ein kleiner Rückblick. Wie lange musstest Du den verpassten zweiten Meistertitel verdauen?

Foto: L. Rodrigues

Ja, das war schon schmerzhaft (lacht), dass wir hier den Gesamtmeister schon zum Greifen nahe hatten und dann ein kleiner Fehler von 1,5 Sekunden sowie auch noch Pech, den Traum zerplatzen ließen. Daran hatte ich ganz ehrlich wirklich zu knabbern, trotz aller Saisonerfolge, das ist der Ehrgeiz eines Racers. Rückblickend wären ohne die Strafe beim siebten Lauf vielleicht auch genügend Punkte auf dem Meisterschaftskonto gewesen, aber das ist alles abgehakt. Sicher, wie gerne hätte ich nach genau zehn Jahren wieder die #1 geholt. Mein Spezi Olli Martini sagt ja gerne „Hätte hätte Fahrradkette…“ und was geschehen ist lässt sich nicht mehr ändern. Fehler im Cockpit und an der Boxenmauer passieren, wir sind alle Menschen und müssen in Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen, manche Entscheidungen bestimmen halt dann den Titelkampf. Inzwischen ist die Freude über den Trophy-Sieg mit einem Top-Team und die Verteidigung der Trophy im neuen Auto die Motivation für diese Saison. Volle Attacke und den Blick nach vorne!

Du sprichst das neue Arbeitsgerät an. Der Porsche 911 GT3 Cup 992 mit über 500 PS ist nochmals ein anderes Kaliber als der Cayman GT4 aus dem Vorjahr. Worin liegt für Dich der Unterschied?

Foto: M. Brückner

Das Auto feierte im vergangenen Jahr seine Premiere in der Langstrecke auf dem Nürburgring, Uwe Alzen fuhr da schon Zeiten von 8:18 Minuten, das zeigt, wie schnell der Porsche ist. Im Carrera-Cup kam er ebenfalls im letzten Jahr weltweit zum Einsatz und bot tolle Rennen. Ich denke mit dem richtigen Setup werden wir von den Zeiten sehr dicht hinter der SP9 Spitzengruppe mitschwimmen können und – wer weiß, vielleicht sind zum Saisonende sogar Top 10 Ergebnisse im Bereich des Möglichen.

Foto: AVIA W&S Motorsport

Der größte Unterschied zum GT4-Cayman ist neben mehr Leistung auch eine noch bessere Aerodynamik. Ein Neunelfer wird, aufgrund des Heck- statt dem Mittelmotor im Cayman, auch nochmals anders bewegt. Im gesamten Feld geht es mit ihm nochmals mehr nach vorne und du musst noch mehr Überholmanöver klug planen. Aber genau darauf freue ich mich besonders, Vollgas auf der Nordschleife, was kann es Schöneres geben?

In der neuen Porsche Endurance Trophy, die der Cayman GT4 Trophy by Manthey-Racing nachfolgt, treten in der Cup 2 die 911er und in der Cup 3 die verschiedenen Cayman GT4 an und sammeln ihre Punkte. Am Ende wird die Trophy an das beste Team aus beiden Klassen überreicht. Euer Ziel ist natürlich diese Trophy weiter im Schwabenland zu halten. Was wird die größte Challenge sein?

Es wird kein leichtes Unterfangen, das wissen wir. Wie sich abzeichnet gehen einige etablierte Teams mit dem 992 in der Cup 2 an den Start und haben knallharte Profis am Steuer. Wir sind die gejagten und müssen ab dem ersten Rennen liefern. Das beginnt bereits beim Qualifying und im ersten Stint, auch wenn ein Langstreckenrennen nicht in den ersten Runden gewonnen wird, fällt hier sicher oft schon die Entscheidung wie es die vier Stunden oder mehr läuft.

Teams wie Black Falcon waren letztes Jahr im Porsche Cup fleißig unterwegs. Das ist sicher ein Vorteil beim Setup und bei den Reifen, die im NLS-Cup ja gleich sind. Diesen Nachholbedarf wird die professionelle Crew von W&S Motorsport aber schnell kompensieren, da mache ich mir keine Gedanken, die Jungs sind einfach topp.

Ab 2022 werden die Punkte in den Klassen neu vergeben. Bisher waren Klassen mit vielen Teilnehmern die Ausgangsbasis für den Meisterschaftskampf. 2021 war die Cup 3 mit fast 20 Autos neben der VT2 hier auch für Euch der Schlüssel zum Vizemeister. In dieser Saison gibt es bereits bei sieben Startern in der Klasse die maximale Punktzahl beim Sieg. Wie stehen nun die Chancen in der Tabelle am Jahresende ganz vorne zu stehen?

Ja, bisher galt das Motto „Viel Feind – viel Ehr‘“ beziehungsweise bei uns viele Punkte. Da war es in der Cup 3 in der Tat eine gute Ausgangsbasis. Wobei unser Hauptziel immer die Cayman-Trophy war, das haben wir dann auch erreicht, das war das Einzige was wir selbst in der Hand hatten: die Gegner in der eigenen Klasse schlagen. Auf die anderen Klassen und die Teilnehmerzahlen hatten wir keinen Einfluss.

Mit dem neuen System werden die Karten nochmals neu gemischt und weitere Klassen mit genügend Startern können ein Wörtchen um den Gesamttitel mitreden. Das klingt für uns zuerst ungerecht, wenn wir gegen 15 oder 18 Gegner gewinnen. Aber wie schon berechnet wurde, hätte sich an der Top 3 des Vorjahres bei der Fahrerwertung nichts mit dem neuen System geändert. Also alles gut. Ich sage daher nochmals: Unser Ziel ist die Trophy Verteidigung und die besten im Cup 2 zu sein. Das alleine wird eine Mammut-Aufgabe, es sollen zwischen 10 und 15 Cup 911 antreten, besetzt mit schnellen Leuten. Keiner wird uns was schenken, jeder Punkt muss verdient werden. Jedes Rennen wird zählen und da könnte eine Nullnummer schon den Traum platzen lassen. Konstant auf höchstem Niveau liefern, das ist auch 2022 die Crux zum Erfolg.

Kommen wir vom Auto und dem Team zum nächsten Faktor, um zu siegen: der Fahrer. Daniel Blickle teilt sich mit dir weiterhin die Arbeit am Lenkrad und hat schon einige Jahre in der Langstrecke Erfahrung. Du bist trotzdem weiterhin auch ein Mentor für ihn.

Foto: L. Rodrigues

Ja, die Entwicklung von Daniel ist eindrucksvoll, er ist ein klasse Typ und Kämpfer. Die Arbeit mit ihm macht riesig Spaß und wurde mit unseren Erfolgen bestätigt. Ich habe schon Erfahrung mit den neuen Cup-Porsche, er kennt bisher nur den Cayman GT4 und steuerte vorher den seriennahen Cayman in der V5. Nun muss er seinen Fokus noch intensiver nach vorne richten, das Auto ist verdammt schnell und er muss mehr überholen. Da muss er nun noch etwas „abgewichster“, also frecher in manchen Situationen werden. Wir bekommen da draußen auf der Nordschleife keinen Meter und keine Position geschenkt. Aber da vertraue ich Daniel voll und werde mein Wissen gerne weitergeben und er wird sich hier weiterentwickeln. Als Team werden wir gemeinsam stark performen können, da bin ich mir sicher!

Der dritte Cockpitkollege aus 2021, Max Kronberg, bleibt zwar dem Team W&S Motorsport erhalten, startet aber nicht mit Euch zur Titelverteidigung in der NLS. Warum?

Foto: L. Rodrigues

Max ist ein klasse Mensch und er passte super ins Trio. Für dieses Jahr hat er sich entschlossen die Saison in der ADAC GT4 Germany und in der GT4 European Series im neuen Porsche 718 Cayman GT4 RS Clubsport mit W&S Motorsport zu bestreiten. Das ist sicherlich eine große Herausforderung und ein starkes Programm für ihn. (lacht) Auch wenn ich es als Nordschleifenfreak nicht verstehe, wie man sich für eine GT4-Saison auf Strecken wie Hockenheim oder Paul Ricard entscheidet, anstatt im 911 durch die Grüne Hölle zu fliegen. Da ticke ich sicherlich etwas anderes. Ich wünsche Max und dem Team natürlich viel Erfolg in der GT4 Germany. Auch hier ist die Mannschaft bärenstark aufgestellt und wird garantiert starke Resultate liefern. Die Daumen drücke ich dann dem Team am Livestream!

Tim, herzlichen Dank für das Gespräch. Nachdem sich die Corona-Pandemie ganz langsam entspannt, wird es auch wieder rund um die Nordschleife und auf den Tribünen mit Fans endlich wieder die gewohnte Langstrecken-Stimmung geben. Was willst Du den Fans noch sagen?

Ich danke für das Interview. Ja, auf die Fans im Fahrerlager und in der Startaufstellung freue ich mich natürlich unbeschreiblich. Auch die Scharen an Menschen um die Nordschleife fehlten doch sehr. Ein Brünnchen ohne Campingwagen und Grills und Zuschauern, die uns anfeuern war zeitweise schon ein trauriger Anblick der hoffentlich nun Geschichte ist und wir wieder die tolle Kulisse haben. Das freut mich natürlich auch für die ganze Eifel-Region, die neben der Pandemie auch durch die Flut in der vergangenen Zeit sehr gelitten hatte. Ich bin ein Mensch, der immer positiv nach vorne blickt, daher wünsche ich mir, dass alles in gewohnte Bahnen zurückkommt. Auch wenn es aktuell sicherlich schwer fällt sich auf den Motorsport zu freuen, doch zumindest hier liegt es in unserer Hand wie es weitergeht. Ich bin bereit und heiß wie Frittenfett auf die Saison mit AVIA W&S Motorsport. Wir sehen uns an der geilsten Rennstrecke der Welt!

Foto: Archiv Tim Scheerbarth
Foto: Archiv Tim Scheerbarth
Foto: Archiv Tim Scheerbarth
Foto: Gruppe C Photography
Foto: Gruppe C Photography
Foto: Archiv Tim Scheerbarth
Foto: Archiv Tim Scheerbarth
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Foto: Jan Brucke
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Dieser Beitrag wurde von verfasst.

Lutz Rodrigues Do Nascimento wurde in den 70er Jahren vom Motorsport-Virus infiziert, sein Onkel war im Porsche-Werk Weissach tätig und nahm ihn damals schon mit zu den Rennfahrzeugen. Seit 2011 ist er regelmäßig am Nürburgring bei der VLN mit der Kamera vor Ort und konnte sich somit ein Netzwerk an Bekanntschaften zu Teams, Fahrern und der Streckensicherung knüpfen. Seit März 2017 ist Lutz Teil der LSR-Freun.de und gilt als unser Draht zu den Teams und Fahrern. Mit Fotos und Stories aus den engsten Kreisen sorgt er immer wieder für staunende Gesichter.
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