Riad, 11. Januar 2020 – Erbarmungslose Rallye Dakar, Fortune blieb bisher aus – bei der Premiere des Wüstenklassikers in Saudi-Arabien lief es für Jakub „Kuba“ Przygonski und Timo Gottschalk noch nicht rund. Vor allem die Technik spielte dem polnisch-brandenburgischen Duo bisher einen Streich. Der Marathon-Rallye-Weltcup-Sieger von 2018 und der „Dakar“-Champ von 2011 gehen dennoch positiv in die zweite Hälfte der härtesten Rallye der Welt. Im Interview steht Timo Gottschalk Rede und Antwort.

Ein Gespräch über Land und Leute. Über Enttäuschung und Motivation. Über Favoriten und sportliche Erwartungen an die kommenden sechs „Dakar“-Tage.

Die Rallye Dakar erlebt ihre Premiere in Saudi-Arabien. Was sagst Du zu Land und Leuten?

Timo Gottschalk: „Was wir bisher von den Prüfungen gesehen haben, war wunderschön. Tolle, atemberaubende Landschafen – da kann man auch während der Prüfung echt ins Staunen kommen. Die Strecken sind sehr anspruchsvoll bisher. Was die Menschen angeht: Natürlich sind es hier und da weniger Zuschauer als in Südamerika. Aber ich denke, es werden immer mehr, wenn sich die Nachricht von der ‚Dakar‘ erst einmal rumspricht. Rund um Hai’il, wo der Rallye-Sport ohnehin populär ist, kamen schon viel mehr Fans an die Strecke. Der Sport wird also schon gut angenommen. Und die Leute sind wirklich sehr offen und freundlich. Sie sind stolz, dass die ‚Dakar‘ hier ist.“

Mit dem Umzug in den Nahen Osten steht die dritte Ära der „Dakar“ an – wie würdest Du im Vergleich zu Afrika und Südamerika die sportliche Herausforderung einschätzen?

Timo Gottschalk: „Bei der Rallye Dakar in Afrika bin ich nur einmal am Start gewesen, danach alle ‚Dakars‘ in Südamerika. Hier im Nahen Osten ähnelt es eher dem ‚African Style‘, sprich: Von den Begebenheiten, den Prüfungen her ist man immer im Niemandsland, während es in Südamerika immer viele Zuschauer, viele Ortschaften und auch viel mehr Grün gab. Hier in Saudi-Arabien gibt es mehr Wüste, ist es unbewohnter, weniger befahrene Wege – das macht auch die Navigation schwieriger.“

Was sind denn die Besonderheiten bei der Navigation hier in Saudi-Arabien?

Timo Gottschalk: „Die Navigation ist schon um einiges kniffliger als noch in Südamerika. Es ist viel mehr offene Wüste. Zwar gibt es hier und da Wege, wo mal ab und an Menschen langefahren sind, die sind aber nicht sonderlich ausgeprägt, nicht so offensichtlich. Deshalb braucht man immer ein wachsames Auge, um die Wegmarken zu erkennen und immer zu wissen, wo man im Roadbook gerade ist. Es ist schon härter für die Navigatoren – gerade an den Tagen, an denen man das Roadbook erst 15 Minuten vor der Prüfung ausgehändigt bekommt. Man muss immer konzentriert, immer fokussiert sein. Die Herausforderung ist also nochmal um einiges gestiegen.“

Geht die „Dakar“ in Saudi-Arabien also „back to the roots“?

Timo Gottschalk: „Auf jeden Fall. Auch, weil die Etappen sehr lang sind.“

Ihr habt bereits am ersten Tag unverschuldet Eure Hoffnungen auf das Podium aufgeben müssen – wie steckt man das weg?

Timo Gottschalk: „Das ist sehr, sehr schwierig. Für uns ist die ‚Dakar‘ unbestritten das Saison-Highlight. Jeder schaut genau hin – Fans, Freund, Sponsoren. Man startet mit großen Erwartungen, einer unbändigen Motivation. Man ist gut vorbereitet, man weiß, dass man gut genug ist, ein gutes Ergebnis zu erreichen. Entsprechend riesig ist dann urplötzlich die Enttäuschung, wenn man mit einem Defekt zurückgeworfen wird – und je früher das in der Rallye ist, desto schlechter fühlt es sich an. Dazu kommt, dass man, was die Sponsoren angeht, viel Gegenwert liefern möchte, etwas für das Marketing tun. Und durch ein technisches Problem nach nur 140 Kilometer hatten wir die Chance auf ein besonders erfolgreiches Marketing verloren. Das macht es doppelt bitter.“

Wie muss man sich nach so einem technischen Problem die Stimmung im Auto vorstellen? Zwischen ganz laut und ganz leise kann man sich da ja alles vorstellen …

Timo Gottschalk: „Bei uns war es ganz leise. Wir waren beide über die Maßen enttäuscht. Man will dann nur noch schnell ins Ziel kommen, will die Sache hinter sich bringen. Wir sind dann noch in die Dunkelheit gekommen, was die Sache nicht angenehmer macht. Man will nur noch raus aus der Wüste, ins Biwak, die Tür des Motorhomes hinter sich zu machen und keinen mehr hören, keinen mehr sehen. Man muss es erstmal selbst abhaken.“

Ihr seid zusammen schon einige Rallyes gefahren, das ist aber die erste „Dakar“ zusammen, was immer nochmal etwas Anderes ist. Wie ist die Chemie zwischen Euch beiden generell?
Timo Gottschalk: „Das passt echt gut. Ich fühle mich sehr wohl mit ‚Kuba‘ im Auto. Ich denke auch, dass wir uns gut ergänzen, uns gegenseitig helfen. Es ist ein sehr offenes Verhältnis, das sehr gut funktioniert.“

Zurück zum frühen Rückschlag. Denn es geht’s ja am nächsten Tag wieder weiter. Was macht das mit der Motivation? Geht man überhaupt noch an oder über das Limit?

Timo Gottschalk: „Eher sogar noch mehr. Egal was im Gesamtresultat herauskommt, man fährt nur noch für gute Tagesresultate. Daher geht man genauso, vielleicht sogar noch einen Tick mehr ans Limit. Wenn es jetzt mal an einem Tag nicht mehr ganz so gut funktioniert – dann ist das eben so. Und kein großes Drama mehr.“

Was die Gesamtwertung angeht, seid Ihr früh in die Beobachterrolle gerutscht. Ganz vorn duellieren sich Carlos Sainz und Nasser Al-Attiyah. Du bist bereits mit beiden die“Dakar“ gefahren. Wer – denkst Du – hat die besten Chancen, ist mental am stärksten?

Timo Gottschalk: „Nasser und Carlos nehmen sich da nicht viel. Es sind definitiv zwei unterschiedliche Persönlichkeiten, sind aber beide mental extrem stark. Nasser weiß genau, was er kann, und was er machen muss. Dadurch kann er dermaßen ans Limit gehen und manchmal darüber hinaus – ohne Fehler zu machen. Nasser hat eine enorme innere Ruhe. Carlos ist jemand, der auch mega Gas geben kann, sich aber im Kopf eher etwas verrückt macht und nicht dies Ruhe hat. Dennoch weiß Carlos ganz genau, was er will und wie er dahin kommt. Und wenn er was will, dann will er es richtig. Und dann wächst er gerade wegen seins Temperaments über sich hinaus. Und mehr, als man erwarten würde.“

Was nehmt Ihr Euch für die zweite „Dakar“-Woche vor? Was können wir von Euch erwarten?

Timo Gottschalk: „Unser klares Ziel ist es, gute Tagesergebnisse nach Hause zu bringen, unter die Top fünf der Etappen zu kommen. Wir wollen unser Potenzial zeigen. Dazu hoffen wir, dass wir die technischen Probleme in der ersten ‚Dakar‘-Woche zurücklassen. Darüber hinaus gilt es, Land und Strecken für die Zukunft kennenzulernen.“

Die Etappe nach dem Ruhetag ist immer eine der oder sogar die schwerste der „Dakar“. Auf was stellst Du Dich ein?
Timo Gottschalk: „Die Prüfung morgen ist die längste der ‚Dakar‘. Sie wird ähnlich sein zu der, die wir vor dem Ruhetag heute absolviert haben. Viele schnelle, sandige Passagen, ein bisschen Schotter zwischendurch, ein paar Berge, Dünen. Sie ist lang, aber ich denke, dass sie angenehm zu fahren sein wird.“

Jakub "Kuba" Przygonski/Timo Gottschalk (POL/GER), Mini John Cooper Works Rally
Foto: MCH Photo

So geht es weiter:

Sonntag, 12. Januar 2020, Tag 07 – Riad–Wadi Al Dawasir
Distanz Wertungsprüfung: 546 km
Distanz gesamt: 741 km
Startzeit Wertungsprüfung: ca. 08:35 Uhr/06:35 Uhr (Ortszeit/MEZ)
Zielzeit Wertungsprüfung: ca. 14:17 Uhr/12:17 Uhr (Ortszeit/MEZ)

Noch so ein klassischer „Dakar“-Hammer: Die Prüfung nach dem Ruhetag stellt die Teilnehmer üblicherweise vor extrem große Aufgaben. Die längste Prüfung der Premiere in Saudi-Arabien ist gleichzeitig auch eine der abwechslungsreichsten. Der Beginn wird durch kleine Dünen bestimmt, der Mittelabschnitt eher durch Schotterpisten, angereichert durch das Kreuzen von ausgetrockneten Flussbetten. Danach wechselt die Route zwischen weiten Sandflächen und Dünenquerungen hin und her. Das i-Tüpfelchen bilden Pfade zwischen kleineren Bergen.

Gesamtwertung nach Etappe 06, Ha’il–Riad (vorläufig)

01. Carlos Sainz/Lucas Cruz (ESP/ESP), Mini, 23:33.05 Std.
02. Nasser Al-Attiyah/Matthieu Baumel (QAT/FRA), Toyota, 23:40.51 Std.
03. Stéphane Peterhansel/Paulo Fiuza (FRA/POR), Mini, 23:49.23 Std.
04. Yazeed Al Rajhi/Konstantin Zhiltsov (KSA/RUS), Toyota, 24:09.51 Std.
05. Orlando Terranova/Bernado Graue (ARG/ARG) Mini, 24:16.57 Std.

38. Jakub Przygonski/Timo Gottschalk (POL/GER), Mini, 31:58.23 Std.

Quelle: Pressemitteilung Przygonski/Gottschalk

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