Matthias Beckwermert wurde vor 38 Jahren im Münsterland geboren. Der selbständige Fahrercoach und Produkttrainer gab 2019 sein Debüt beim Team Four Motors aus Reutlingen. Four Motors betreibt seit zwei Jahrzehnten Motorsport mit nachhaltigem Hintergrund und kooperiert inzwischen mit Herstellern wie Porsche, RONAL und Wolf Oil bei der Entwicklung von Bauteilen, Felgen oder Biosprit und recyceltem Öl. Der Rennstall rund um den Ex-DTM-Piloten Thomas von Löwis und dem Musiker Michael „Smudo“ Schmidt steckt mitten in den Planungen für die NLS-Saison 2022. Zeit genug, sich mit Matthias Beckwermert über Motorsport mit dem Biokonzept-Team zu unterhalten.

Bereits 2019 gab Matthias ein zweiteiliges Interview für LSR-Freun.de in dem er über seinen Einstieg in den Motorsport und seine Weltreisen sprach.
Ebenso unterhielten wir uns mit ihm über seine Einstellung zur nachhaltigen Mobilität.

Nach zwei Jahren am Steuer des Porsche Cayman GT4 in der Nürburgring Langstrecken-Serie und beim 24h-Rennen für Four Motors hat sich für ihn privat und beruflich manches geändert, hat es auch seine Einstellung beeinflusst? Das werden wir sicherlich herausfinden.

Hallo Matthias, wer die Interviews vor zwei Jahren noch nicht entdeckt hatte, möchte sicherlich wissen, wie Du zum Motorsport gekommen bist. Erzähle uns daher bitte nochmals kurz, wie Du vom Virus infiziert wurdest.

Puh, da müsste ich eigentlich ausholen. Aber ich mach’s kurz: Autos haben mich als Kind schon immer fasziniert. Ob Matchbox oder später Lego-Technik-Autos. Es mussten immer Rennautos sein. Mit meinem Dad bin ich dann irgendwann auch zu Autorennen gefahren. Einer der schönsten Momente war dann am Nürburgring bei der BPR-Rennserie in den Boxen ganz nah an meinen Hero-Cars wie dem McLaren F1 GTR oder dem Ferrari F40 GTE zu stehen. Da war mir klar, egal wie, ich will sowas auch machen.

Matthias Beckwermert Formel BMW
Foto: Archiv M. Beckwermert

Da sich in meinem Umfeld niemand für Autos, geschweige denn für Autorennen, interessierte, war der Einstieg schon ein recht langer Weg. Ich habe alle meine Ersparnisse als Teenager auf eine Karte gesetzt und im Alter von 15 Jahren meine internationale Formel Lizenz gemacht. Danach ging’s dann los mit Slalom, Cup-Racing, Rallye und irgendwann auch Langstrecke. Und bis heute investiere ich jedes Jahr auf ein Neues viel Zeit und Energie, um mir diesen Traum weiter ermöglichen zu können. Und mit Four Motors bin ich in einem Team angekommen, was das Big Picture des Motorsports sieht. Ich bin echt happy, mich da nicht nur als Fahrer einbringen zu können.

Von dieser Begeisterung wurde auch dein beruflicher Werdegang beeinflusst und inzwischen dreht sich dein Leben um Autos, Testfahrten und Schulungen. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Ja, genau. Ich bin jetzt seit 11 Jahren selbständig in dem Bereich. Ich bin hauptsächlich im Namen des Sterns unterwegs in Sachen Sales & Produkt Training, sowie Fahrtraining. Aber auch Moderation & Personal Coaching sowie Precision Driving lasten mich das Jahr über aus.

Foto: M. Brückner

Entstanden ist das ganze aus einem Nebengewerbe, das ich vor 15 Jahren gegründet hatte. Es ist irgendwann so gewachsen, dass ich meinen eigentlichen Job bei Mercedes in Köln dafür aufgegeben habe. Ich mag es, mit Menschen zu arbeiten, kreativ zu sein und neue Wege zu gehen. Und mit meinem kleinen Unternehmen habe ich mir eine gute Basis geschaffen, die für viel Abwechslung sorgt und (wenn nicht gerade ein Virus grassiert) mich rund um den Globus führt. Und dabei dreht es sich irgendwie immer um Autos. Ich habe damit mein Hobby zum Beruf gemacht.

Nach einigen sporadischen Teilnahmen in der RCN und VLN kamst Du zu Four Motors und zählst inzwischen zum Stammkader des Teams. Wie hat sich das ergeben und wie war der erste Kontakt?

(Lacht) Haha, die Frage könnt ihr doch eigentlich viel besser beantworten. Erzählt mal!
(Anmerkung der Redaktion: Thomas von Löwis rief damals bei der Redaktion an und bekam ein paar Kontakte zu talentierten möglichen Piloten.) Ich war im Jahr 2019 bei Adrenalin Motorsport auf einem Porsche Cayman unterwegs und habe mit Charles Oakes und Uli Korn das 24h-Rennen und die VLN bestritten. Wir hatten Höhen aber auch echt viel Pech in dem Jahr und am Ende war klar, dass wir das letzte Rennen nicht mehr fahren würden. Ich war an dem Wochenende also mit dem Mercedes-Benz Driving Events am Hockenheimring, als donnerstags das Telefon klingelte. „Tom hier, hallo Matthes!“ Tom habe ich zuvor nie persönlich kennengelernt, wir verstanden uns am Telefon aber auf Anhieb. Das Projekt Four Motors war mir durchaus bekannt, wenn auch nicht in der Tiefe, die es wirklich hat. Einem Fahrer, der aus Japan angereist war, ging es nicht gut und Tom suchte dringend nach Ersatz. Nach einigem Hin und Her, es gibt da durchaus ein paar entscheidende Einflussgrößen, war klar, dass ich für den Samstag Ersatz für mich am Hockenheimring gefunden habe.

Foto: L. Rodrigues

Also Freitagabend von Hockenheim zum Nürburgring, um 23.00 Uhr noch ein paar Teammitglieder im Fahrerlager angetroffen, kurze Sitzprobe, Fotos von Lenkrad und Mittelkonsole gemacht, um sie mir nachts noch als Bettlektüre einprägen zu können, und dann ging’s ab ins Bett. Ich bin am Renntag sofort so herzlich vom Team aufgenommen worden, sodass wir im Cayman GT4, den ich zuvor ja auch noch nie gefahren bin, uns mit einem Klassensieg bedanken konnten.

Über den Winter ging es dann mit Tom und seinen Mitarbeiterinnen weiter in die Planung für das Folgejahr. Und daraus wurde dann eine sehr starke Verbindung, geschäftlich, wie privat.

Four Motors startet in der Langstrecke auf der Nordschleife in der Klasse AT für alternative Treibstoffe. Befeuert werden die Porsche mit E20-Benzin. Bauteile und Interieur des Cayman GT4 sind aus Naturfaserverbundstoffen und fanden den Weg vom Entwicklungsträger-Fahrzeug von Four Motors in die Serienproduktion. Wie stehst Du zum Biokonzept des Teams?

Foto: L. Rodrigues

Es ist genau das, was der Motorsport braucht! Jedes einzelne Bauteil auf den Prüfstand zu stellen, Betriebsmittel unter die Lupe zu nehmen und zu schauen: Wo können wir bei gleicher oder vielleicht ähnlicher Performance nachhaltiger Motorsport betreiben.

Klar, wir könnten auch elektrisch fahren. Aber wenn das die Lösung für das Problem ist, hätte ich gerne mein Problem zurück. Spaß beiseite. E-Renner haben ja eine absolute Daseinsberechtigung. Gewaltiges Drehmoment sorgt für unglaublichen Fahrspaß. Wenn die Technik so weit ist, dass wir mit E-Autos 24h Rennen fahren können, bin ich sofort dabei. Am Ende ist es dann immer die Challenge, sich mit gleichem Material zu messen.

Wenn wir aber nicht auf die ungewisse Zukunft, sondern auf das hier und jetzt schauen, dann können wir auch JETZT schon etwas tun. Und das beweisen Tom und Smudo seit 20 Jahren eindrucksvoll. Mit viel Energie und Einsatz motivieren sie starke Partner, die diesen Weg auch gehen wollen, um unsere Welt ein bisschen besser zu machen und uns allen diesen Sport mit seinem Sound, seinem Geruch und seinem Gefühl so nachhaltig zu erhalten.

Vor der Pandemie warst Du ein „Globetrotter“ und die meiste Zeit des Jahres auf der ganzen Welt unterwegs. Seit Anfang 2020 hat sich doch sehr viel verändert und Du hattest auch schwere Zeiten ohne Aufträge und ohne Rennsportveranstaltungen. Du bist eine Frohnatur und immer auf „good vibes“ aus. Erzähle uns, welches Erlebnis oder welche Begegnung Dich bis heute beeindruckt hat und positiv stimmt.

Matthias Beckwermert
Foto:Matthias Beckwermert

Oh ja, ich erinnere mich, als ich am 8. März 2020 mit meiner damaligen Freundin aus Ägypten in Berlin landete und mir ein Freund einen Screenshot schickte mit der Headline „Erster deutscher Corona Toter in Hurghada“. Da hat noch niemand im Traum daran gedacht, dass das solche Ausmaße annehmen würde.

Die Pandemie Zeit war sicher für viele nicht leicht. Aber ich kann nur für mich sprechen, dass die wichtigsten Dinge wie Gesundheit und ein Dach über dem Kopf, so profan es auch klingt, geblieben sind. Aber ja, für mich, wie auch viele meiner Kollegen, die selbständig sind, war oder ist das schon eine existenzielle Sache. Ich habe irgendwann dagesessen und mir Gedanken gemacht, wie das alles weiter gehen soll. Für mich geht’s eh immer nur vorwärts, also habe ich mich neu erfunden.

Wenn mein Geschäftsmodell darauf basiert, immer eine Versammlung von vielen Personen auf einem Haufen zu haben, war das nicht das, was in näherer Zukunft wieder zu erwarten war. Also habe ich mich mehr auf Moderationen von Digital-Veranstaltungen und Shows, Videoclips und Einzel-Coachings auf Rennstrecken verändert. Ich glaube, das liegt vielen Menschen, die aus dem Motorsport kommen: einfach das Beste aus allem zu machen und flexibel zu sein. Die einzige Konstante im Leben ist nun mal Veränderung. Aber ich freue mich schon sehr, wenn ich endlich wieder Freunde auf der anderen Seite der Welt besuchen kann!

Wenn du fragst, wer mich dieses Jahr beeindruckt hat, dann kann ich nur sagen: Alle, die die Flutkatastrophe in der Eifel so überstanden haben und alle, die auch bis heute noch unermüdlich helfen. Eva Derksen zum Beispiel, die eigentlich im Ringboulevard einen Shop betreibt und von jetzt auf gleich eine führende Rolle im zum Katastrophen-Zentrum gewordenen Ringboulevard übernommen hat. Ich bin eine Woche nach der Flut für ein Wochenende in die Region gefahren, um zu helfen. Die Bilder vergisst du nicht mehr. Und was so Menschen wie Eva da non-Stopp geleistet haben, das verdient einfach meinen größten Respekt!

Zurück zu Four Motors, die Philosophie des Teams basiert auf vier Säulen: Recycling-Öl, E20-Kraftstoff, Bio-Leichtbauteile und seit 2021 rollt der Cayman GT4 auch auf nachhaltigen Rädern von RONAL. Was sind nachhaltige Räder und welche fünfte Säule sollte nach deiner Meinung als nächstes kommen?

Foto: L. Rodrigues

Zunächst wird die vierte Säule noch weiter ausgebaut: Mit Pagid haben wir im letzten Jahr auf die Bremse getreten und die Entwicklung von Feinstaub genauer angeschaut. Hier stehen wir ganz am Anfang. Aber mit dem Knowhow aus der Fertigung für Serienfahrzeuge und unserer Racing-Erprobung, ist ein Technologietransfer möglich. Die Vorgaben auf der Straße sind viel kritischer als im Motorsport. Hier gibt es noch viel zu tun.

RONAL passt einfach perfekt zu uns. Als ich Ende 2020 die Pressemitteilung gelesen habe, dass RONAL die erste CO2-neutral produzierte Felge auf den Markt bringt, habe ich direkt angefangen, zu telefonieren. Aus dem Erstkontakt wurden ein paar Videokonferenzen und daraus ein gemeinsames Ziel: Die PLAN BLUE Felgen mit Four Motors weiterzuentwickeln. Und in 2022 gehen wir damit in die nächsten Runden!

Foto: L. Rodrigues

Aber wie im Motorsport natürlich nach Zehntelsekunden gesucht wird, suchen wir parallel nach weiteren Möglichkeiten, den CO2-Footprint zu verbessern. Und da sind es manchmal auch die kleinen Dinge, wie die Koordination von Team, Fahrstrecken, Equipment, wo man schon den Unterschied machen kann. Wir sind in Gesprächen mit Menschen und Unternehmen, die andere und manchmal neue Wege gehen. Da ist Four Motors inzwischen so etwas wie ein Business Club für nachhaltige Unternehmen. Das sind echt interessante Gespräche, die weit über den Tellerrand hinaus gehen. Da wird sich noch einiges draus entwickeln.

Du lebst ein Leben aus dem Koffer und bist ständig auf Achse. Wie gestaltest Du Deinen persönlichen Alltag nachhaltiger? Wo musst Du Dir selbst noch an die Nase fassen und eventuell was verändern?

Perfekt gibt’s nicht. So viel ist mal klar. Aber jeder kann sicher seinen Teil dazu beitragen.
Ich vergleiche das immer mit Ernährung. Essen müssen wir alle. Wenn ich mich das ganze Jahr gesund ernähre, dann fällt der Schokoriegel hier und da (Achtung Wortwitz) nicht so ins Gewicht. Aber wenn ich mich ausschließlich von Schokolade ernähre, dann habe ich irgendwann ein Problem.

Und so sehe ich es auch mit Nachhaltigkeit. Es gibt Menschen, die lieber erst mit dem Finger auf andere zeigen, als vor der eigenen Haustür zu kehren. Deshalb darf auch jeder für sich selbst entscheiden, ob und was er was tun möchte.

Wenn du mal irgendwo in Asien im Meer schnorcheln warst und dich durch Massen von Plastikflaschen gekämpft hast, dann achtest du halt mehr darauf, nicht unnötig viel von diesem Müll zu produzieren. Aber so wie die Wegwerfmentalität auf der einen Seite war, habe ich das Gegenteil in Australien erlebt. Da weht eine Plastiktüte am Strand Richtung Meer und es stehen drei Menschen auf und hechten der Tüte hinterher, damit sie nicht im Meer endet. Wenn wir dahin kommen, dass wir mehr von diesen guten Beispielen vorleben, dann haben wir zumindest schon mal einen kleinen Schritt nach vorne gemacht.

Foto: L. Rodrigues

Für mich selbst gibt es sicher auch noch viel zu verändern. Ich rauche nicht, trinke selten, Fahre eine Alu-Refill-Wasserflasche im Auto spazieren, um PET-Flaschen zu vermeiden und lasse das Auto inzwischen für kurze Distanzen oft stehen, um zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs zu sein. Auch bei Ernährung und Konsumgütern gilt für mich inzwischen „think global – buy local“.

Matthias, wir sagen herzlichen Dank für die spannenden Einblicke. Kannst Du uns zum Abschluss noch einen Ausblick auf die kommende Saison geben? Was planst Du mit dem Team?

Ach, ich freue mich einfach wieder auf die ganze Nürburgring-Familie, die Fans an der Strecke, die Momente im Auto und all das Drumherum, was unseren Sport am Nürburgring so ausmacht – 2022 wird ein geiles Jahr!

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Dieser Beitrag wurde von verfasst.

Lutz Rodrigues Do Nascimento wurde in den 70er Jahren vom Motorsport-Virus infiziert, sein Onkel war im Porsche-Werk Weissach tätig und nahm ihn damals schon mit zu den Rennfahrzeugen. Seit 2011 ist er regelmäßig am Nürburgring bei der VLN mit der Kamera vor Ort und konnte sich somit ein Netzwerk an Bekanntschaften zu Teams, Fahrern und der Streckensicherung knüpfen. Seit März 2017 ist Lutz Teil der LSR-Freun.de und gilt als unser Draht zu den Teams und Fahrern. Mit Fotos und Stories aus den engsten Kreisen sorgt er immer wieder für staunende Gesichter.
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