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Mensch und Marshal – Guido Graeber im Interview

Guido Graeber gibt Einblick in das verantwortungsvolle (Ehren-)Amt des Sportwartes.

Foto: L. Rodrigues
Guido Graeber ist 40 Jahre alt und gelernter Schilder- und Lichtreklamehersteller. Immer wieder erzählen alle davon, man müsse mehr über die Randbeteiligten der verschiedenen Rennen berichten. Wir reden nicht – wir haben nachgefragt und geben Einblicke in das „Alltagsleben“ eines Sportwarts.

LSR-Freunde: Hallo Guido, besten Dank, daß Du dir Zeit für uns nimmst. Welche Aufgabenbereiche bei der VLN hast Du bisher besetzt?
Guido: Ich habe zu danken, dass ich als eher unwichtiges Kerlchen von Euch überhaupt gefragt werde. In der VLN stehe ich seit 2009 als Sportwart der Streckensicherung am Posten. Anfangs war die Döttinger Höhe unser Abschnitt, vor einigen Jahren wechselten wir in den Bereich Quiddelbacher Höhe bis Schwedenkreuz. Diese Saison hatte ich noch dazu meinen ersten Probeeinsatz in einem Intervention Car auf der Nordschleife, was für mich nochmal ein völlig neues, beeindruckendes Erlebnis war. Wenn die dicken Rennwagen dicht an einem vorbeiblasen, bebt so ein Audi Q3 schon ordentlich.

LSR-Freunde: Wir interessieren uns für die Menschen und das Geschehen an der Basis, daher bist Du für uns schon ein „wichtiges Kerlchen“. An welchen weiteren Rennserien und anderen Strecken warst Du noch im Einsatz?
Guido: Beim Reinoldus Langstrecken Cup (6h-Motorrad-Rennen auf dem Nürburgring GP-Kurs) sitze ich schon seit mehreren Jahren als Beifahrer im Intervention Car, während des Oldtimer Grand Prix bin ich meistens im Vorstart im Einsatz, ansonsten gucke ich, wie´s kommt. An anderen Strecken war ich bislang nur beim Motocross im Einsatz, da fallen mir jetzt Bielstein und die Dortmunder Westfalenhalle ein. Aber natürlich stehen noch ein paar Klassiker auf meiner To-Do-Liste: Spa, Zandvoort, Le Mans und die Isle of Man sind noch ein paar Träume von mir.

LSR-Freunde: Um an der Strecke Dienst zu leisten ist eine Lizenz nötig, welche Vereine bieten entsprechende Lehrgänge an? Was bekommt man an Wissen vermittelt?
Guido: Die VLN selber, aber auch der Marshals Club bieten Lehrgänge am Nürburgring an, bei denen man die international gültigen FIA-Lizenzen erwerben kann. Beim ADAC Mittelrhein kann man auch ein Seminar machen, da weiß ich nur nicht, wo. Ich selber gehe schon seit Jahren zum MVNW (Motorsport-Verband Nordrhein-Westfalen) in Overath. Hier gibt es zwar nur eine national gültige Lizenz, aber wer will kann die beim DMSB erweitern lassen. So ein Lehrgang samt Prüfung wird alle drei Jahre fällig und dauert einen Tag. Inhalte sind Flaggen- und Regelkunde für Automobil-, Motorrad- und Rallye-Sport, Fehlerbesprechung anhand von Videos und natürlich Sofortmaßnahmen am Unfallort sowie Feuerbekämpfung.

LSR-Freunde: Das ist schon Einiges, wie läuft dann ein gewöhnlicher Tag als VLN-Sportwart ab, wie bereitest Du dich darauf vor?

Guido: Wirklich vorbereiten kann man sich nicht, man weiß ja nie, was so passiert. Natürlich behält man die Wettervorhersage im Auge. Aber da wir hier von der Eifel reden, ignoriert man das am Besten und packt lange Unterwäsche, Regenklamotten und Sonnencreme ein. Meine Helfergruppe, die IG Forster Kreuz, trifft sich morgens um kurz vor sieben im Fahrerlager. Nach einem kurzen Briefing und der Materialausgabe geht’s dann ab zu den Posten, wo man sich häuslich einrichtet so gut es geht. Anschließend wird die Strecke kontrolliert. Auf dem Grünstreifen findet man eigentlich immer irgendwelche Trümmer oder andere Teile, die da besser nicht liegen sollten. Mein Lieblingsfund war mal ein Seitenschneider direkt neben der weißen Linie, wenn sowas von einem Rennwagen mit 260km/h rumgeschleudert wird, kann´s echt gefährlich werden. Anschließend wird der Posten bereit gemeldet und auf den Start gewartet. Dann harrt man der Dinge, die da kommen.

LSR-Freunde: Wie Du schon angedeutet hast ist der Dienst nicht ungefährlich, was war dein eindrucksvollstes Erlebnis?

Foto: G. Graeber
Guido: Der für mich persönlich gefährlichste Moment war bei den Einstellfahrten 2014. Ich meldete gerade über Telefon einen kleineren Einschlag in die Reifenstapel eingangs Flugplatz, stand also mit dem Rücken zur Strecke, als es plötzlich laut schepperte und mir Carbontrümmer um die Ohren flogen. Ein SLS war in unseren Fangzaun eingeschlagen, der obere Pfosten lag keine Armlänge hinter mir am Boden. Aber alle Beteiligten blieben unverletzt, das ist ja immer die Hauptsache. Ein Jahr später an der gleichen Stelle war das leider nicht der Fall, als ein NISMO vor meiner Nase abhob und in einen Zuschauerbereich flog. Ich rannte von meinem Posten bei der Sprungkuppe hoch, um zu helfen. Es gab Gott sei Dank nur wenige ernsthaft Verletzte, aber für einen Zuschauer, Andy G., kam jede Hilfe zu spät. Das ganze Chaos da oben, weinende, schockierte Menschen überall, die Verletzten, die Trümmer – das war und ist emotional natürlich grenzwertig. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass mir nicht immer noch manchmal die Bilder und Szenen dieses Tages hochkommen würden, und eine ganze Weile lang wurde mir bei jedem Reifenquietschen kotzübel. Wenig hilfreich bei der Verarbeitung waren übrigens auch die Reaktionen in den sozialen Netzwerken. Plötzlich wußte jeder, der das ganze zu Hause am Liveticker miterlebt hat, ganz genau Bescheid, was zu dem Unfall führte. Besonders auf dem Fahrer Jann Mardenborough wurde rumgehackt, ungeachtet dessen, dass auch er sicherlich genauso gerne auf dieses Erlebnis verzichtet hätte wie alle anderen Beteiligten und besonders Andys Angehörige.

LSR-Freunde: Ja, dieser Unfall geht uns auch bis heute nahe. Was genau macht dann aber die Momente aus, die einem den nötigen Spass und die Begeisterung bringen, das Langstreckenfieber wecken?

Guido: Das frage ich mich auch öfter, besonders bei Regen. Aber natürlich gibt es auch jede Menge schöne und witzige Momente. Nach dem Einschlag des SLS in unseren Posten zum Beispiel kasperte ich ein wenig mit dem Fahrer Richard Göransson rum, dabei brummte ich ihm ein „Bußgeld“ in Höhe eines Kastens Kölsch auf. Wochen später hatte ich das schon fast vergessen, als ich von seinem Team, ROWE Racing, per Facebook in die Lounge eingeladen wurde, wo ich mir das Bußgeld abholen konnte. Eine signierte Flasche ist bis heute ungeöffnet, ich nenne sie meinen heiligen Gral. Ganz allgemein überwiegen die kritischeren Momente, die gut ausgehen, deutlich. Wenn man jemandem nach einem Unfall helfen oder das leicht brennende Fahrzeug unterm Hintern löschen konnte, hat man auf jeden Fall ein echt gutes Gefühl.

LSR-Freunde: Uns wurde zugeflüstert, Du fährst gerne GT6 Rennen. Was war Deine schnellste virtuelle VLN Runde?

Guido: Endlich mal ´ne doofe Frage, weil fahren auf der PlayStation bei allem optischen Reiz nix mit der Realität zu tun hat. Aber ich glaube, das war etwa eine 8:10 – mit mehreren Einschlägen, auf der echten Nordschleife hätte ich wohl Hatzenbach Feierabend gehabt und wäre spätestens am 77er von der Strecke gezerrt worden. Immerhin bei der eigenen Abschnittsleiterin, da könnte ich wenigstens mit Kaffee und ´nem Brötchen rechnen.

LSR-Freunde: Dann kommen wir zurück zum echten Racing. Immer mehr Serien werden in naher Zukunft mit Elektroantrieb oder Hybrid/Kers-Systemen kommen. Welche Veränderungen für die Sportwarte sind da nötig?

Foto: G. Graeber
Guido: Erstmal sind natürlich Informationen wichtig, wie man damit umzugehen hat. Wir hatten das ja schon, als Manthey einen Hybrid-Porsche einsetzte. Da gab´s auch Info-Blätter für alle Posten. Bei einem Rennen japanischer Elektro-Motorräder im Rahmen des RLC wurden auch spezielle Gummi-Handschuhe verteilt, die gegen hohe Spannungen isolieren und wohl auch vor Batteriesäure schützen sollten. Das warf bei mir die Frage auf, ob die auch feuerresistent sind, man hat bei einem Unfall ja nicht die Zeit, mal eben die passende Ausrüstung anzufummeln. Wenn man mich fragt, wurde das ganze Thema noch nicht zu Ende gedacht, und wenn es mehr solcher Rennen mit mehr Zwischenfällen gibt, werden Probleme und Gefahren auftauchen, die vorher keiner auf dem Schirm hatte. Aber auch daran wird man sich gewöhnen und anpassen.

LSR-Freunde: Welchen Verbesserungsvorschlag würdest Du aktuell der VLN machen, um für alle Teilnehmer auf der Strecke, am Posten, hinterm Zaun das Rennen sicherer zu machen?

Foto: G. Graeber
Guido: Da bin ich nur froh, dass ich sowas nicht entscheiden muss. Mir fehlt auch die Qualifikation, besonders was die Fahrzeuge angeht, schließlich bin ich kein Renningenieur. Die Vor- und Nachteile von Löchern in den Kotflügeln oder ähnlichen Maßnahmen kann ich nicht beurteilen. Ich würde mir nur wünschen, dass man mehr auf uns Sportwarte hören würde, was die Probleme mit den Posten angeht. Es gehen regelmäßig Mängellisten an die VLN, die das sicherlich auch, nicht erst seit es die CNG gibt, an den Betreiber der Strecke weiterleiten, nur passiert meistens nicht viel. Noch dazu bekommt man langsam Angst vor Überreaktionen wie an der Quiddelbacher Höhe. Da wurde ja nach dem NISMO-Zwischenfall die Sprungkuppe abgefräst, eine riesige Sperrzone eingerichtet und auch noch ein zusätzlicher Zaun installiert, der die Sicht für die Zuschauer und die Sportwarte auf Posten 80 erheblich einschränkt. Auch bei der Regelung zur Auflösung von Code-60-Phasen muss meines Erachtens nachgebessert werden.

LSR-Freunde: Guido, wir bedanken uns für Deine Einblicke. Dir wünschen wir noch viele spannende Langstrecken Rennen und sind froh Menschen wie Dich als Langstrecken-Freund zu haben. Alles Gute für die weitere Zukunft.

Das Interview wurde von Lutz Rodrigues geführt