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Über den Tellerrand: Mercedes quittiert der DTM zugunsten der Formel E

Zugegeben: DTM und Formel E sind nicht unser Thema. Denn beide Serien haben so gar nichts mit Langstreckenrennen zu tun. Dennoch sorgte die Meldung – wenn auch viele es bereits vermuteten – für ein mittleres Erdbeben.

Mercedes gab heute in einem offiziellen Pressestatement bekannt, dass man sich ab der Saison 2019 aus der DTM verabschieden werde und stattdessen sein Engagement in die zukunftsträchtigere Serie Formel E verlegen werde. Ähnlich wie Audis Rückzug 2016 aus der Langstrecken-Weltmeisterschaft WEC und dem damit verbundenen Prototypen-Programm, sorgte auch die heutige Meldung von Mercedes für ein mittleres Erdbeben.
Für Jens Thiemer – Leiter Marketing u. Kommunikation Mercedes Benz – ist die Sache klar: „Die Formel E ist für uns ein konsequenter Schritt, um die Leistungsfähigkeit unserer attraktiven batterieelektrischen Fahrzeuge der Technologiemarke EQ zu demonstrieren.“ Toto Wolff – Mercedes AMG Sportchef – sieht den Serienwechsel mit gemischten Gefühlen: „Die Jahre in der DTM werden immer ein großer Teil unserer Motorsport-Geschichte bleiben.“

Über die tatsächlichen Gründe verhält man sich in Stuttgart jedoch etwas verschwiegen. Nachdem der Diesel-Skandal – wenn auch gleich dieser nichts mit dem Motorsport bei Mercedes zu tun hat – nun auch den schwäbischen Luxuskarossen-Hersteller erwischte und in den vergangenen Tagen sogar Gerüchte zu Kartellabsprachen zwischen den 5 größten deutschen Automobilherstellern – zu denen Mercedes zweifelsohne gehört – aufkamen, sieht man sich bei Mercedes offenbar zu einem Imagewandel bewegt. Wie bereits 2016 beim Ingolstädter Automobilhersteller Audi, so kam auch heute bei Mercedes die Meldung über den Rückzug aus der Prestige-Rennserie des Herstellers sehr überraschend.

Seit Gründung der „neuen“ DTM haben die Stuttgarter in bisher 18 Rennjahren spektakuläre Rennen und Wettbewerbe auf Augenhöhe erlebt. „Die Jahre in der DTM werden immer ein großer Teil unserer Motorsport-Geschichte bleiben“, sagt Toto Wolff. „Mein Dank geht an alle Mitarbeiter, die über Jahre hinweg in der DTM tolle Arbeit geleistet und Mercedes-Benz zum erfolgreichsten Hersteller der Serie gemacht haben. Auch wenn so ein Abschied natürlich schwer fällt, werden wir in dieser und nächster Saison alles dafür tun, uns mit so vielen Titeln wie möglich aus der DTM zu verabschieden. Das sind wir unseren Fans und uns selber schuldig.“

In bisher 26 Saisons konnte Mercedes-AMG zehnmal die Fahrermeisterschaft, dreizehnmal die Teamwertung und sechs Markenmeisterschaften einfahren (jeweils DTM+ITC). Insgesamt haben die Stuttgarter 183 Rennsiege, 128 Pole-Positions sowie 540 Podestplätze gefeiert.
„Mit dem Ausstieg aus der DTM geht für uns eine langjährige Motorsport-Ära zu Ende. Wir blicken mit Stolz auf das Engagement unserer Teams, Fahrer, Partner und den zahlreichen Helfern hinter den Kulissen zurück, die die DTM oft genug zu einer faszinierenden Plattform für unsere Kunden und Markenfans gemacht haben“, sagt Dr. Jens Thiemer. „Nun ist es an der Zeit, neue Wege zu gehen.“

Zenit bereits vor Jahren überschritten?

Neben den vielen Skandalen, den sich deutsche Hersteller in den vergangenen Jahren eingehandelt haben, wird aber auch die DTM selbst ihren Beitrag dazu geleistet haben. Seit Jahren gehen Besucherzahlen zurück und das Interesse an der „Werbeveranstaltung der Premium-Hersteller“ sinkt rapide. Größter Zuschauermagnet der „neuzeitlichen“ DTM war 2012 der Einstieg des Münchner Automobilherstellers BMW. Zuletzt versuchten die Verantwortlichen der DTM die Serie wieder spannender zu gestalten, in dem man das Fahrerfeld von 24 auf 18 Fahrzeuge reduzierte. Im Zuge des Ausstiegs von Mercedes zum Ende der Saison 2018, steht auch die DTM vor einer Zerreißprobe. Unter vorgehaltener Hand wird bereits von einer Zusammenkunft mit der japanischen Super-GT-Serie gesprochen. Neuste Veröffentlichungen zum Motorenwechsel vom altbekannten 4.0l V8 hin zu einem 2 Liter Turbomotor sorgen in der Gerüchteküche für zusätzliche Aufregung.

Die ITR als Trägerorganisation versucht sich indes im Wogenglätten. „Die ITR als Trägerorganisation und Vermarkter der DTM bedauert den Schritt von Mercedes. Wir müssen die Entscheidung sportlich fair respektieren. Die DTM ist eine der bedeutendsten Tourenwagen-Serien der Welt. Mercedes hat den Ausstieg mit weitem Vorlauf angekündigt. Damit bleibt der ITR Zeit, die Situation zu analysieren und ein tragfähiges Konzept für die Zukunft aufzusetzen.“

Ein kurzfristige Wiederkehr von Opel oder Ford gilt in diesem Atemzug alles andere als realistisch. Der Vorsprung auf technischem Niveau der verbleibenden Teilnehmer Audi und BMW ist zu groß, als dass man diesen nur durch genügend Egagement wett machen könne. Zudem schmetterte die DTM in der Vergangenheit viele Herstelleranfragen aufgrund des Rufes jener Hersteller selbst regelmäßig ab. Mindestens auf dem Premiumniveau der bisherigen Teilnehmer wünschte man sich in der Vergangenheit weitere Konkurrenten. Gerhard Berger – neuer Chef der DTM – hat also alle Hände voll zu tun.

Formel E – Rennsport der Zukunft?

Toto Wolff sieht die Formel E als eine vollkommen neue Rennserie, die vor allem die schnellen Veränderungen in der Automobilindustrie widerspiegelt: „Wie in jedem anderen Bereich wollen wir im Motorsport Benchmark im Premiumsektor sein und auch neue innovative Wege bestreiten. Das decken wir perfekt mit Formel 1 und Formel E ab. Die Formel E ist mit einem spannenden Start‑up-Unternehmen vergleichbar: Sie bietet ein brandneues Format, das Rennen mit einem starken Eventcharakter kombiniert, um aktuelle und zukünftige Technologien zu bewerben. Für einen Hersteller ist die Formel E eine interessante Plattform, um die Elektrifizierung einem neuen Publikum vorzustellen. Und das in einem ganz anderen Format als es jede andere Motorsportserie bietet. Ich freue mich, dass wir die bestehende Einstiegsoption um ein Jahr bis zur Saison 2019/20 erweitern konnten. So haben wir die Zeit, die Serie kennenzulernen und uns adäquat auf den Einstieg vorzubereiten.“

„Heute ist ein großartiger Tag, weil wir Mercedes in der Formel E-Familie begrüßen dürfen“, sagt Alejandro Agag, Gründer und CEO der Formel E. „Damit wächst die steigende Zahl der Hersteller, die sich an der elektrischen Revolution beteiligen. Der heutige Schritt zeigt, wie sehr sich die Welt verändert – nicht nur im Motorsport, sondern in der gesamten Automobilindustrie. Wir sind Zeugen eines Wandels, der zuerst unsere Städte und dann unsere Straßen transformiert. Die Formel E ist die Meisterschaft, die diese Veränderung verkörpert. Gemeinsam mit allen unseren Teams und Herstellern werden wir weiter nach Technologien streben, um bessere und günstigere Elektroautos zu bekommen.“

Elektromobilität hat für Mercedes‑Benz schon heute einen sehr großen Stellenwert, der in Zukunft noch weiter zunehmen wird. Die Formel E bietet dabei die perfekte Plattform, die Wettbewerbsfähigkeit batterieelektrischer Antriebe der Technologiemarke EQ im Renneinsatz unter Beweis zu stellen.

„Mercedes-Benz vermarktet künftige batterieelektrisch angetriebene Fahrzeuge unter dem Label EQ“, sagt Dr. Jens Thiemer. „ Die Formel E ist für uns ein konsequenter Schritt, um die Leistungsfähigkeit unserer attraktiven batterieelektrischen Fahrzeuge zu demonstrieren und die Technologiemarke EQ im Motorsport und Marketing emotional aufzuladen.“

Dieser Beitrag wurde von verfasst.

Michael Brückner ist seit Jahren begeisterter Motorsportfan und Fotograf. Außerdem sammelt er wissbegierig allerlei Informationen und arbeitet diese dann auf. Warum also nicht alles unter einen Hut bringen und der Welt zur Verfügung stellen. So entstand LSR-Freun.de. Neben der fotografischen und redaktionellen Arbeit kümmert sich Michael auch um die technischen Aspekte des Internetauftritts.
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